Kultur : Terror und Moral

Zur israelischen Debatte um die „gezielten Liquidierungen“

Moshe Zimmermann

Die Diskussion um die Frage, was sich das Militär erlauben darf, wird in Israel schon seit langem geführt, nicht erst seit der Tötung von Scheich Jassin. Die Debatten erinnern an den klassischen Diskurs um Tyrannen- und Königsmord oder um das Recht auf Widerstand.

Wo werden der Anwendung von Gewalt im Dienste einer gerechten Sache klare Grenzen gesetzt? Das Problem ist komplex: Gewaltanwendung gegen einen äußeren Feind steht der Gewaltanwendung gegen das eigene Volk gegenüber; Gewalt gegen Araber in den besetzten Gebieten unterscheidet sich von Gewalt gegen die arabische Minderheit in Israel; Gewalt gegen jüdische Bürger tritt neben Gewalt gegen nichtjüdische Bürger. Die Debatte erhitzte sich, als die israelische Regierung zur Waffe der „gezielten Tötungen“ griff. Nun stellte sich die Frage, ob man Menschen ohne ein Gerichtsurteil töten darf? Darf man „Kollateralschäden“ einkalkulieren? Und in welcher Höhe?

Interessanterweise waren israelische Soldaten die aktivsten Teilnehmer an diesen Diskussionen. Piloten und Angehörige der militärischen Eliteeinheiten haben sich zu Wort gemeldet und die Gesellschaft aufgerüttelt. Akademiker – Juristen, Sozialwissenschaftler, Historiker – blieben dabei eher im Hintergrund, obwohl auch sie durchaus aktiv sind. Es stehen sich in der Diskussion zwei Gruppen gegenüber: auf der einen Seite die aggressiven „Professoren für politische und wirtschaftliche Widerstandskraft“ mit rechtsradikalen Positionen, auf der anderen Seite die Gruppe „Der Campus schweigt nicht“, mit linken Positionen. Die einen treten für ein „Groß-Israel“ westlich des Jordan ein, also für die Siedlungspolitik; die anderen sind dagegen. Die einen halten den palästinensischen Terror für eine ultimative Rechtfertigung für jede Art von Gegenmaßnahmen; die anderen versuchen, eher die israelische Politik als Auslöser für diesen Terror zu verstehen, und verlangen den Rückzug aus den besetzten Gebieten im Westjordanland und Gazastreifen. In der Diskussion geht es gleichermaßen um Politik und Moral, Ideologie und Ethik. Die linken Kräfte rufen zur Dienstverweigerung auf, weil sie die gesamte Besatzungspolitik ablehnen. Die Rechten halten die „gezielte Tötung“ und den Dienst in den „befreiten Gebieten“ gerade deshalb für legitim, weil man jeden Widerstand der Palästinenser für illegitim hält.

Was aber geschieht, wenn im Falle eines Rückzugs aus den besetzten Gebieten das Militär eingesetzt wird, um Siedler zu evakuieren? Dann befinden sich Linke wie Rechte in einer Zwickmühle: Die Rechten sind da eher für militärischen Ungehorsam, die Linken dann doch für den Gehorsam.

Die Debatte hat nicht nur akademischen Charakter. Als der Verfasser dieses Kommentars sich mit einer Bemerkung auf die Seite der im Militärgefängnis sitzenden Kriegsdienstverweigerer stellte, riefen Kollegen aus dem rechten Flügel und auch Politiker nach disziplinären Maßnahmen. Der Leiter der Militärhochschule, dessen Offiziere an den Lehrveranstaltungen der Hebräischen Universität Jerusalem teilnehmen, untersagte aus Sorge um das Seelenheil seiner Schützlinge, die Teilnahme an derartig gefährlichen Veranstaltungen. Die Worte des Professors, so hieß es in seinem Schreiben an den Universitätsrektor, seien gefährlicher als der Verkauf von Waffen an Terroristen.

Seit die Liquidierungsstrategie des Militärs das ursprüngliche Ziel – die Ausschaltung von „tickenden Bomben“, also von Selbstmordattentätern auf dem Weg zum Anschlag – verlassen hat, und „Drahtzieher“ jeder Art zum Ziel geworden sind, wobei auch die Zahl der getöteten unschuldigen Passanten immer stärker anstieg, kreist die gesamte Debatte um Ethik und Moral der israelischen Terrorbekämpfung um diese Frage. Eine besondere Rolle spielt dabei der Tel Aviver Philosoph Asa Kasher. Er ist der Hauptverfasser eines „Ethischen Codes“ für das Militär – eigentlich eine nützliche Sache. Kasher aber erweitert die Grenzen der Legitimation für die Liquidationen und ihre Kollateralschäden und dient dem Militär als moralisches Feigenblatt. Da fragt man sich, ob nicht nur die Verwendung von Kindern als Selbstmordattentäter auf palästinensischer oder die gezielten Tötungen auf israelischer Seite, sondern auch diese Versuche akademischer Rechtfertigung moralisch verwerflich sind.

Der Verfasser lehrt Deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

0 Kommentare

Neuester Kommentar