Kultur : Terror und Tee

THEATER

Christoph Funke

Die Vergangenheit – ein verwinkelter Kohlenkeller. Die Erinnerung – ein Mädchen, von draussen kommend, durch die Vergangenheit und Gegenwart trennende Tür. Aus kleiner Truhe mit knackendem Deckel holt diese Fee ein kostbares Geschirr, arrangiert es auf dem altertümlichen Ofen, verschwindet wieder. Im Berliner Orph -Theater wird Heiner Müllers Quartett , angesiedelt zwischen Französischer Revolution und drittem Weltkrieg, zur Teezeremonie. Wie aus einem mühsam abgeschüttelten Schlaf kommen Merteuil und Valmont, die Marquise und der Vicomte, hinter dem Ofen hervor und beginnen das Spiel von Liebe, Eifersucht, Verrat, Grausamkeit und Terror mit abgezirkelter Sanftheit. Zwei sorgsam gekleidete Menschen drehen sich im Reigen ihrer ungeheuerlichen Geständnisse und Beschuldigungen, ohne die Form zu verlieren. Die Wandlungen beim Geschlechter- und Figurentausch vollziehen sich zögernd, dann aber mit kindlichem Mutwillen und wollüstiger, ironischer Gelassenheit.

Heiner Müllers Dialog, nach dem 1782 erschienenen Briefroman „Les Liaisons dangereuses“ von Choderlos de Laclos Ende der Siebziger entstanden, ist in der Inszenierung von Christin Eckart und Matthias Horn weniger eine erregte Abrechnung mit der von Gewalt geprägten Gesellschaft und dem Ende der Geschichte, als eine vorsichtig-müde Begegnung mit menschlichen Möglichkeiten, die nicht festzumachen sind. Ines Budrow, Matthias Horn und Rahel Savaldelli, die Schauspieler, bewältigen den Zustand der Trance, des Verlorenseins mit unangestrengter Intensität. Sie bannen die extremen Herausforderungen des vielschichtigen Textes in Sehnsucht und in Warten (Schokoladen, Ackerstraße 169/170, 20. bis 23. und am 26. Februar, 20 Uhr.)

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