Kultur : Terrorismus: Der Terrorist als Partisan

Herfried Münkler

Wer kämpfen und siegen will, darf seinen Gegner nicht unterschätzen. Doch noch immer hält sich die Vorstellung von der zivilisatorischen Rückständigkeit und religiösen Irrationalität der Attentäter und ihrer Hintermänner. Unabhängig davon, ob das, was jetzt als "islamischer Fundamentalismus" durch die Debatten geistert, eine religionssoziologisch zutreffende Bezeichnung ist, es blockiert die Analyse: weil es den Blick auf die strategische Rationalität der Terroristen verstellt. Wer Grausamkeit bei der Verfolgung seiner Ziele mit Feigheit verwechselt und nur die eigenen Werte als rational ansieht, ist kaum in der Lage, Taktik und Strategie des Terrorismus zu begreifen und eine robuste Gegenstrategie zu entwickeln. Mitleid und moralische Empörung sind ebenso problematische Ratgeber wie der Ruf nach Rache und das Bedürfnis nach Vergeltung.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Terroranschläge sind nicht eo ipso Bestandteil einer Strategie: Sie können von psychisch Kranken verübt werden oder gewalttätige Verzweiflungshandlungen sein, denen, selbst wenn sie im Augenblick viele Leben kosten und großen Schaden anrichten, jede längerfristige Planung abgeht. Von einer Strategie des Terrorismus kann erst gesprochen werden, wenn den Akteuren eine Zweit- und Drittschlagsfähigkeit zukommt. Als die US-Administration von einem Krieg gegen Amerika sprach, hat sie die ihr verfügbaren Informationen offenbar dahingehend ausgelegt, dass die Anschläge vom 11. September der Auftakt zu einem länger dauernden Konflikt darstellten. Daraus folgt, dass der prinzipielle Verzicht auf einen Gegenschlag, wie er verschiedentlich gefordert wird (weil dabei Unbeteiligte getroffen und womöglich die ganze islamische Welt in Brand gesetzt werde), keinen Schritt der Deeskalation darstellt, sondern bloß weitere terroristische Anschläge herausfordert. Nicht durch Verzicht auf Gegenhandeln, sondern durch dessen kluge und langfristige Planung wird die Strategie des Terrors konterkariert.

Als strategisch angelegt können nur jene Formen des Terrors gelten, die Reaktionen der Gegenseite im Rechnung stellen. Dementsprechend ist Gewaltakten, die Bestandteil einer terroristischen Strategie sind, mit den Mitteln des Strafrechts nicht beizukommen. Was in der Rechtsprechung als Ahndung den Rechtsfrieden wieder herstellen soll, wird von den Terroristen als Bestandteil der Kriegführung angesehen. Kriminelle Gewalt unterscheidet sich von terroristischer Gewalt dadurch, dass die durch Rechtsbruch erlangten Vorteile in einem Zustand des Friedens genossen werden sollen; terroristische Gewalt hingegen hat die Funktion, einen Zustand relativer Friedlichkeit in den offener Gewalt zu verwandeln.

Psychische Gewalt im Vordergrund

Selbstverständlich gab und gibt es Situationen, in denen ein Staat den terroristischen Angriff mit polizeilichen und gerichtlichen Mitteln erfolgreich abgewehrt hat: Die Niederlage der westdeutschen Terroristen der 70er und 80er Jahre ist dafür ein Beispiel. Aber im vorliegenden Fall würde die Auslieferung, Verurteilung und Hinrichtung Osama bin Ladens in den USA den begonnenen Konflikt nicht beenden. Bestenfalls wäre sie das (innenpolitisch vielleicht unverzichtbare) Gegenbild zu den zusammenbrechenden Türmen des WTC. Aber gerade damit wäre sie auch ein weiterer Schritt der Konflikteskalation.

Es macht den Kern terroristischer Strategie aus, dass es ihr weniger um die physischen als um die psychischen Folgen der Gewalt geht. In der Regel sind Terroristen viel zu schwach, um den Gegner durch den Angriff auf seine militärischen Kräfte erschüttern zu können. Nicht die Zerstörungen selbst sind also der Zweck terroristischer Gewalt, sondern der von ihnen ausgehende Schrecken. Dabei hat dieser Schrecken in der Regel zwei Adressaten: den Angegriffenen, dem seine Verletzlichkeit vor Augen geführt und der dadurch demoralisiert werden soll; und daneben jene, die durch die Gewaltakte ermutigt werden sollen, ihre Unterwürfigkeit aufzugeben undgegen die nur scheinbar Übermächtigen zu kämpfen. Terrorismus ist so eine Strategie der indirekten Effekte.

Die Ziele der Angriffe vom 11. September hätten kaum geschickter gewählt werden können: Die Nation, die sich eben noch daran gemacht hatte, durch die Stationierung von Raketenabwehrsystemen den Mythos ihrer Unverwundbarkeit zu pflegen, ist durch ein gutes Dutzend zum Selbstmord bereiter Kämpfer im Mark getroffen worden. Niemals und nirgendwo, so die Botschaft der Terroranschläge, ist der westliche Kapitalismus in Zukunft sicher; sein Hedonismus ist der Todesverachtung dieser Kämpfer nicht gewachsen. Und keine noch so hochgerüstete Armee kann ihn schützen, wenn in Bomben umfunktionierte Flugzeuge Hochhäuser zu Schlachtfeldern machen.

Preußens Kriegstheoretiker Clausewitz hat die konventionelle Schlacht als ein Messen der moralischen und physischen Kräfte mit Hilfe der letzeren bezeichnet; die Strategie des Terrorismus dreht diese Relation um: Der physischen Überlegenheit großer Mächte setzt sie die größere Entschlossenheit ihrer Selbstmordkommandos entgegen.

Seit jeher hat die spezifische Kampfweise des Partisanen - und der Terrorist ist eine der zahlreichen Masken des Partisanen - darin bestanden, die Bedingungen des Kampfes so zu verändern, dass der Starke an seiner schwächsten Stelle angreifbar wird und dass sich seine Stärke in Schwäche verwandelt. Im Crash von aeronautischer Mobilität und ausgefeilter Hochbautechnik ist die Schwäche des Starken sinnfällig geworden.

Zweiter Adressat der Anschläge waren die Massen der islamischen Welt, denen gezeigt werden sollte, dass der Westen nicht übermächtig und nicht unverwundbar war, und die so aus ihrer Mischung von Apathie und Bewunderung gegenüber dem Westen herausgerissen werden sollten. Dazu passt, dass fast alle der bislang identifizierten Attentäter aus eher wohlhabenden mittelständischen Familien stammen, die mit den Folgen des westlichen Einflusses auf die islamische Welt schon früh in Berührung gekommen sind. (Weswegen der Vorschlag, mehr Entwicklungshilfe könne den Terror stoppen, von geradezu anrührender Naivität ist.)

Gegen die in ihren Herkunftmilieus verbreitete Auffassung, der Westen werde sich zwangsläufig gegen die Traditionen des Orients bzw. des Islams durchsetzen, weil er wirtschaftlich, wissenschaftlich und technologisch überlegen sei, sollten die Anschläge ein Zeichen setzen. Die von Samuel Huntington in seinem Buch über den "clash of civilizations" angenommene religionskulturelle Spaltung der modernen Welt wird gerade nicht vorausgesetzt, sondern soll erst hervorgebracht werden: vor allem durch Reaktionen des Westens, die den islamischen Massen suggerieren, dass sie einen Kampf auf Leben und Tod gegen den Westen zu führen haben.

Offenkundig ist es den Strategen des Terrors darüber hinaus auch um die Verwundbarkeit der westlichen Wirtschaft, nicht bloß um die Zerstörbarkeit ihrer Zentren und Symbole gegangen. Womöglich sind die langfristigen Folgen der Anschläge in dieser Hinsicht folgenreicher als die unmittelbaren Verluste. Die Ökonomien der westlichen Industriestaaten sind schon jetzt getroffen, die Folgekosten der Verunsicherung noch nicht absehbar. Man mag, wie dies der amerikanische Präsident in Fortführung einer in den USA gepflegten Konfrontationsrhetorik getan hat, von einem Kampf gegen das Böse sprechen. Aber man muss wissen, dass man es mit einem Bösen zu tun hat, der sein Handwerk versteht. Partisanen könne man nur nach Partisanenart bekämpfen, hat Napoleon gesagt. Wenn damit die Dispensierung von allen völkerrechtlichen Hegungen des Krieges gemeint ist, ist diese Formel mit äußerster Vorsicht zu behandeln. Klar ist jedoch, dass dem Raffinement der terroristischen Strategie nur mit eben solchem strategischen Raffinement zu begegnen ist.

Kriegsschauplatz Wirtschaft

Die sämtliche amerikanischen Militärstrategien seit dem Zweiten Weltkrieg bestimmende Doktrin von der kriegsentscheidenden Bedeutung der Luftwaffe wird dabei ebenso kritisch zu prüfen sein wie das zuletzt grenzenlose Vertrauen in die "chirurgischen Operationen" mit elektronisch gesteuerten Distanzwaffen. Dass es den Strategen des Terrors gelingt, die Amerikaner und ihre Verbündeten in einen längeren verlustreichen Bodenkrieg im Hindukusch zu verwickeln, wird man wohl nicht annehmen müssen. Und man wird auch davon ausgehen können, dass der Einsatz von Nuklearwaffen, etwa der Neutronenbombe, gegen die Stellungen der Söldner bin Ladens, schon aus politischen Gründen nicht in Frage kommt.

Dass die Hintermänner des Anschlags so schwer auszumachen sind und der Angriff auf die USA von einem über den ganzen Globus geknüpften Netzwerk ausging, macht die Reaktion auf ihn noch schwieriger. Wenn die amerikanischen Politiker und Militärs kühlen Kopf behalten, also den Terroristen nicht in die Falle gehen und zielungenau losschlagen, dann werden wir in den nächsten Monaten und Jahren einen Krieg neuen Typs erleben: in dem die vertrauten Grenzziehungen zwischen Polizei und Militär verwischt oder gänzlich bedeutungslos werden. Wirtschaftliche Operationen werden stärker als bisher zu einem Bestandteil der Kriegführung werden.

Partisanen nach Partisanenart zu bekämpfen, wird heißen, dass weniger die Hochtechnologie und das schwere Gerät der Militärs in Erscheinung treten werden, sondern der Krieg wesentlich im Dunkeln stattfinden wird. Nach den Bilderkriegen am Golf und auf dem Balkan und dem für die Kameras geradezu inszenierten Doppelanschlag von New York wird dieser Krieg eher unscheinbar und unsichtbar sein.

Das Publikum wird, von wenigen Ausnahmen abgesehen, diesmal nicht in der ersten Reihe sitzen.

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