Kultur : TerrorundTrost

Dirigent Zagrosek über das Konzert zur Einweihung des Holocaust-Mahnmals

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Herr Zagrosek, was kann Musik, was kann Kunst angesichts des Holocaust aussagen?

Sie spielen auf Adorno an – dass nach Auschwitz keine Gedichte mehr geschrieben werden könnten. Ich glaube aber, dass Kunst Erinnerungsräume an Schreckliches oder Schönes öffnen kann, auch Räume für künftige Visionen.

Nach welchen Kriterien haben Sie das Programm ausgewählt?

Die „Tragische Ouvertüre“ von Brahms setzt sich mit menschlicher Tragik auseinander. Wir wollten auch die Lebenswelt jüdischer Künstler vor dem Holocaust zeigen, die voller Optimismus war. Erwin Schulhoffs Klavierkonzert ist ein unglaublich vitales, lustvolles Stück, es endet mit einem kraftvollen Charleston. An einer Stelle träumt die Sologeige mit dem Klavier zusammen, was an einen Sinti- oder Romageiger erinnert. Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ ist vielleicht das eindringlichste Holocaust- Stück schlechthin. Wolfgang Rihms Requiem spricht von Trostlosigkeit, Terror und Tod, nach Texten von Nelly Sachs. Damit es nicht in totaler Hoffnungslosigkeit endet, folgt Schönbergs erster Psalm, sein letztes, unvollendetes Werk. Der letzte Satz, „Und trotzdem bete ich“, wird a capella von Chor-Sopranistinnen gesungen. Damit bricht das Stück ab. Das Leben geht weiter, die Situation ist offen.

Gibt es das überhaupt, jüdische Musik?

Zu Brahms’ Zeit waren es völlig unwichtig, ob ein Komponist katholisch, jüdisch oder protestantisch war. So sah das bürgerliche Milieu aus, bevor die Nationalsozialisten begannen, Unterschiede zu machen. Deshalb wehre ich mich gegen die Bezeichnung „jüdische Musik“. Ich glaube nicht, dass Mendelssohn oder Mahler aufgrund ihrer jüdischen Herkunft anders komponierten. Im religiösen Bereich, auch in der Volksmusik ist das etwas anderes, denken Sie nur an Lieder aus dem Schtetl oder an Klezmermusik.

Bei der Jungen Deutschen Philharmonie spielen die Begabtesten der 24 deutschen Musikhochschulen. Sie sagen, hier entstünde „ein neuer Musikertypus“.

Bei uns wird vieles demokratisch entschieden. So spüren die Musiker, wie viel zusammenwirken muss, damit eine Aufführung überhaupt zustande kommt. Dieses Bewusstsein von Vernetztheit und Verantwortung hat in vielen Orchestern einen neuen Geist erzeugt, der nicht mehr konfrontativ ist, sondern konstruktiv.

– Das Gespräch führte Udo Badelt.

Lothar Zagrosek,Chef der Stuttgarter Oper und Leiter der Jungen Deutschen Philharmonie, dirigiert heute das Konzert zur Einweihung des HolocaustMahnmals (20 Uhr, Philharmonie).

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