Kultur : Terzinen über die Liebe

Am 14. August 1956 starb Bertolt Brecht in Berlin. Bis zu seinem 50. Todestag hören wir täglich von ihm.

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Sieh jene Kraniche in großem Bogen!

Die Wolken, welche ihnen beigegeben

Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen

Aus einem Leben in ein andres Leben.

In gleicher Höhe und mit gleicher Eile

Scheinen sie alle beide nur daneben.

Daß also keines länger hier verweile

Daß so der Kranich mit der Wolke teile

Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen

Und keines andres sehe als das Wiegen

Des andern in dem Wind, den beide spüren

Die jetzt im Fluge beieinander liegen.

So mag der Wind sie in das Nichts entführen;

Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben

So lange kann sie beide nichts berühren

So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben

Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.

So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben

Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.

Wohin, ihr?

Nirgendhin.

Von wem entfernt?

Von allen.

Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?

Seit kurzem.

Und wann werden sie sich trennen?

Bald.

So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

1928, in: Gedichte und Gedichtfragmente 1928–1939. Bertolt Brecht, Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 14 © Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993.

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