Kultur : Test the East

Das Berlinale-Forum zeigt die legendären Hongkong-Filme der Shaw Brothers

Silvia Hallensleben

„Eastern“ wurden sie gerne abfälllig genannt, die meist in Hongkong produzierten Filme, die bis in die siebziger Jahre ein vorwiegend junges männliches Publikum mit Kung-Fu, Schwertkämpfen und exotischen Frauen-Camps unterhielten. Aus den entsprechenden Kinos sind heute Lebensmittel-Discounter geworden, und das Hongkong-Kino ist vom Synonym für billigen Action-Trash zum Kult-Produkt avanciert und feiert auf Filmkunst-Festivals Erfolge. Ein Großteil der „Eastern“ kam aus der Filmschmiede der Shaw Brothers, der über Jahrzehnte erfolgreichsten Produktionsfirma des südostasiatischen Raums. Dabei scheint das Firmenemblem, das das bekannte Warner-Brothers-Logo leicht abwandelt, symptomatisch: für eine Produktionsweise, der immer noch zugeschrieben wird, sich vor allem durch geschicktes Kopieren auf dem Markt zu behaupten. So wurde das Studiosystem Hollywoods von den vier Brüdern in ein eigenes Erfolgsmodell umgewandelt: Rationalisierung durch Serienfertigung und Arbeitsteilung, Schichtarbeit und eine ausgeklügelte Verwertungskette.

Die Brüder kamen aus Shanghai. Begonnen hatte alles mit einem Film und ein paar Kinos in Singapur. Nach einer Zwangspause durch den japanisch-chinesischen Krieg wurde Bruder Run Run 1958 entsandt, um in Hongkong wieder eine Produktionsgesellschaft zu errichten. Drei Jahre später war Movietown fertig: ein gigantischer Studiokomplex in den New Territories. Es folgten goldene Jahre des Studios. Dabei setzten Breitwand-Musicals und Martial-Arts-Epen in Austattung und „production values" für die Region neue Standards. Lange ging das gut so. Bis ironischerweise genau jener Star, der bei uns fast synonym für das Hongkong-Kino steht, den Untergang der „klassischen“ Phase markierte: Bruce Lee. Er war bei der 1970 gegründeten Golden Harvest unter Vertrag, die auch andere Stars der Brüder abwarb. 1986 dann zog sich die Firma aus dem Filmgeschäft zurück, um sich dem Fernsehen zu widmen.

Rettung für Filme und Publikum kam von unerwarteter Seite: Letztes Jahr wurden die Rechte an einem Großteil der Shaw-Filme von der malaysischen Medienfirma Celestial übernommen. Die plant, in den nächsten Jahren 750 der Filme restauriert herauszubringen. Wohl auch als Appetizer für dieses groß angelegte Editionsvorhaben reist nun ein gewichtiges Päckchen mit einer Auswahl von fünf Shaw-Klassikern um die Welt. Dabei zeigt die kleine Reihe nicht nur, dass es auch schon vor Wong Kar Wai in Hongkong Qualitätskino gab, sie präsentiert auch Meilensteine der Filmgeschichte: von Li Han-hsiangs klassizistisch anmutender Opern-Inszenierung „The Kingdom and the Beauty" (1959) über das übermütig modernistische Musical „Hong Kong Nocturne" (1966) bis zu „The 36Th Chamber of Shaolin" des Kampfkunst-Meisters Liu Chia-liang, der 1978 mit freundlich-komödiantischer Geste das uralte Sujet klösterlicher Körper-Bildung wieder aufnimmt. Überhaupt lebt das chinesische Kino ja traditionell weniger vom Ausdruck individueller Originalität als von der kreativen Genre-Variation.

Auch kein Zufall ist, dass gleich in zwei der Produktionen heftig gesungen wird: Doch während „The Kingdom and the Beauty" den Kanon chinesischer Liedkultur um einige Standards erweitert, mischen sich in „Hong Kong Nocturne" jazzige Arrangements mit dem internationalen Popsound und den Neonfarben der Sixties. Auch inhaltlich hat die Geschichte der drei Schwestern mit traditionellen Kaiser-meets-Landmaid-Stoffen kaum noch etwas gemein. Doch auch mit Hollywood-Schmalz nicht: Liebe gibt es zwar, doch sie muss unterliegen. Die Girls werden von den drei Stars des Studios gespielt, unter ihnen die großartige Kampfkünstlerin Cheng Pei-Pei als Tänzerin.

Eine eher typische Rolle hat Cheng Pei-Pei in King Hus „Come Drink With Me" (1966), einem der berühmtesten Martial-Arts-Filme aller Zeiten. Auch Hu erzählt eine traditionelle Geschichte um die Usurpation von Macht und die Frage nach der Loyalität, doch er bringt das starre Gerüst mit Präzision und Behendigkeit in Bewegung. Choreographie als filmischer Höhenflug – Gewalt, romantische Exzesse und Angriffe auf die rationale Logik eingeschlossen. Da wallen die Nebel um den Wasserfall hinter der Einsiedlerklause. Und die Hauptheldin agiert mal als verkleideter Mann und mal als Frau.

Noch spektakulärer sind die kämpfenden Frauen in Chu Yuans „Intimate Confessions of a Chinese Courtisan". Die Story von der in ein Luxusbordell verschleppten Aristokratentochter ist weibliche Rachefantasie, lesbisches Liebesdrama und opulent inszenierter Action-Genuß zugleich. Die Bordellherrin macht sich die Novizin zur Geliebten. Auch bei den Freiern gilt sie bald als Favoritin. Doch heimlich trainiert sie auf Rache. Erst müssen die Honoratioren dran glauben. Und irgendwann stehen sich die beiden Frauen im Endkampf gegenüber. Bei seinem Erscheinen 1972 galt der Film als Skandal. Heute scheint er Meisterwerk einer Inszenierungstechnik, die das Breitwandformat mit eleganten Schnittfolgen und raffinierten Durchblicken zu gestalten weiß. Und: ein erstaunliches Postulat weiblicher Selbstbestimmung, das weder ästhetisch noch inhaltlich in die weichgezeichnete Emmanuelle-Falle tappt.

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