Kultur : Teufelspakt

Vor sechs Jahren machte sie ihre erste Platte. Sie sollte der Auftakt für eine große Karriere sein. Aber es kam anders. Jetzt versucht es Susie van der Meer auf eigene Faust

Kai Müller

Es gibt nicht viele Menschen, die sich an Susie van der Meer erinnern. Und die wenigen tun es auch noch falsch. Sie finden, dass sie sich verändert hat. „Du bist dünner geworden“, sagt die Presseagentin und wirft ihre Arme um die junge Frau, die sie das letzte Mal vor vier, fünf Jahren gesehen hat. „Echt, findste?“ Susie van der Meer findet das nicht. Ist doch alles wie immer. Die langen braunen Haare, die in Wellen um den Hals fallen, die schmalen Schultern und eine schöne, lange Nase, die ihr Gesicht in zwei Hälften teilt. Warum sollte sie ein anderer Mensch geworden sein?

Das Problem ist, dass sich nicht viele Gelegenheiten ergaben, Susie van der Meer kennen zu lernen. Eine Platte, zwei kurze Tourneen, danach verschwand sie. Bei Polydor, dem Label, bei dem 1997 ihr Debüt „Static Warp Bubble“ erschien, kennt man nicht einmal mehr ihren Namen. Aus der Datenbank wurde sie gelöscht. Wer sie betreut habe? Keine Ahnung, versuchen Sie es mal bei, ... ach, der ist ja auch nicht mehr da. Wer Susie van der Meer zufällig einmal mit ihrer Band spielen sah, erinnert sich an eine zierliche Kindfrau, einen auf High Heals aufgebockten Lolita-Körper, um den eine E-Gitarre schlingerte und Lärm machte. Man feierte sie als „Fräuleinwunder“ des Rock. Sie schien den Weg für eine ganze Reihe selbstbewusster Sängerinnen wie Mieze (Mia), Masha Qrella (Mina, Contriva) oder Peaches zu bereiten, die zur selben Zeit ihre Karrieren begannen. Auch wenn die „taz“ sich über den „völlig belanglosen, schmollmundigen Gitarrenpop“ beklagte, „der noch einmal an den Marktwert von Haarspängchen und zerrissenen Netzstrümpfen anzuknüpfen versucht“.

Da war gerade ein Song von Susie van der Meer erschienen, der sie endgültig hätte berühmt machen können. Er lief nicht im Radio, sondern im Kino: „Whisper my darling/ I didn’t have the time to say goodbye to you/ Flow into silence/ My mouth is full of blood and my mind is too.“ Das war die Kurzfassung einer Geschichte, von der sie über Umwege erfahren hatte – eine junge Frau hat zwanzig Minuten Zeit, um das Leben ihres Freundes zu retten. Das gefiel ihr und so schrieb sie sofort einen Song darüber, dass man nicht davonkommt, dass einen der Schmerz einholt, so weit man auch läuft. Tom Tykwer, der die Geschichte von der Frau, die ihren Freund rettet, erfunden hatte, fand „Sombody Has To Pay“ so gut, dass er die düstere Ballade für „Lola rennt“ benutzte. In dem Film war ihre Stimme ein stampfendes, schlingerndes Geisterschiff.

Danach hätte eigentlich die zweite Platte erscheinen müssen. Susie van der Meer fing auch sofort mit der Arbeit an. Als das Album praktisch fertig war, hatte Polydor den Glauben an sie verloren. Fragen wie „Was hältst du denn von Alanis Morisette?“ sollten ihr subtil zu verstehen geben, dass man ihr keine Chance gab.

Dabei war der Erfolgsdruck, unter den sie sich selbst stellte, schlimm genug. Sie konnte keine Idee mehr haben, keine Melodie mehr summen, ohne an die Platte zu denken. „Früher war Musik ein Trost für mich. Es reichte, sich mit der Gitarre aufs Bett zu setzen, um deprimierende Gedanken zu vertreiben. Das konnte ich gar nicht mehr machen. Denn es musste ja toll werden.“ Auf „Luciferin“ (Freispiel/Lasso), mäandern nun zwöf Stücke durch einen verschatteten, erotisch-lasziven Kosmos. Sparsam instrumentierte Elektronic-Dramen wechseln mit verzerrten Gitarren-Krachern, untermalen metaphernreiche Zustandsbeschreibungen und heißen „Angel On A Dragon“ oder „In My Night“. Ihre Texte sind Seelengänge. Naiv und symbolisch. Man wünschte, sie würde direkter, offener über ihre Gefühle singen. „Ich weine“, beschreibt die 30-Jährige die Entstehung eines Songs, „ich weine vielleicht sogar ganz doll und habe mein Kuscheltier im Arm, dem ich sage, dass es nicht traurig sein soll, dass es auch wieder bergauf gehe“.

„Luciferin“ ist eine Substanz, die Tieefseequallen zum Leuchten bringt. Dasselbe soll ihre Musik bewirken. Leuchten ohne Lichtquelle. Jeder Mensch habe seine dunklen Seiten, sagt sie, hadere damit, es nicht weitergebracht zu haben.

Susie van der Meer studierte in Hildesheim Kulturpädagogik, als Moses Schneider sich in das Mädchen aus Friesland verliebte. Der hatte als Kaffeekocher im Hansastudio angefangen und war bereits ein viel beschäftigter Produzent (Viktoriapark, Beatsticks, Inchtabokatables und Surrogat). Als er in einer Ecke ihres Zimmers eine Gitarre lehnen sah, wollte er mal hören. „Wahrscheinlich dachte er“, erinnert sich van der Meer, „dass jetzt die Beatles-Nummer kommt.“ Aber sie spielte ihm eigene Lieder vor, und von da an ergab sich alles andere von selbst: „Du wirst jetzt nach Berlin ziehen, einen Plattenvertrag bekommen, und du wirst ein Popstar.“

Genau das hatte sie immer gewollt. Schon mit vier Jahren trat sie als ABBA-Double kostümiert vor einem Spiegel auf. Die Haarbürste war ihr Mikrofon. In ihren Träumen malte sie sich eine Welt aus, in der Peter Frankenfeld vor einer geschwungenen Revuetreppe steht und ihren Auftritt ankündigt. Und sie, von Tänzerinnen umkränzt, singt ihr Lied. Ihr Bruder verstand diesen Traum vermutlich nicht. „Er wollte eine coole Schwester haben“, sagt van der Meer. Deshalb musste sie Gitarre lernen, als er eine geschenkt bekam. Sie vertonte das Struwwelpeter-Buch und machte eine erste Tournee durch ihre Grundschule. Später, als sie den Mädchennamen ihrer Mutter angenommen hatte, suchte sie im Telefonbuch verschämt nach der Nummer des Berliner Vielklangstudios, wo Nick Cave, Element of Crime oder Philip Boa ihre Platten aufnahmen. Da wollte sie hin, wenn sie auch nicht wusste wie. Schneider nahm ihr das Telefonieren dann ab. „Es ging sehr schnell.“

Sie gründete mit Schneider (Bass) und Ben Lauber (Schlagzeug und Programming) eine Band und zog in deren WG. Sogar das Studio der beiden Tüftler befand sich in derselben Wohnung. Eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, eine schön-schreckliche Zeit. „Ich hatte mich mit einer Independent-Schrammel-Band groß rauskommen sehen. Als ich dann zum ersten Mal hörte, was sie aus meiner Stimme machten, war ich wie erschlagen.“ Mit elektronischer Musik kannte sie sich bis dahin nicht aus. Sie begann gerade erst, sich mit Björk zu beschäftigen, und ahnte nicht, dass sie auch wie Björk klingen konnte. „Ich musste mich nicht aus einem Übungsraum hocharbeiten und erst mal Demo-Tapes einreichen, sondern bekam sofort einen Major-Vertrag.“

Für das Coverfoto von „Static Warp Bubble“ (1997) flog ein Fotograf mit der Sängerin nach Lanzarote, wo sie im Blümchenkleid vor einer kargen Vulkanlandschaft posierte oder mit gespreizten Beinen auf einer Bank saß. Sie hatte sich das anders vorgestellt. Die Plattenfirma wohl auch. Polydor sei die „falsche Firma“ gewesen, weiß Schneider im Nachhinein. „Der A&R-Manager sprang ab, plötzlich war niemand mehr erreichbar.“ Doch waren es nicht nur die Machtspielchen der Branche, die das Projekt in die Länge zogen. „Etwas stimmte nicht“, sagt Moses Schneider. Die CD sollte perfekt sein. Als Techniker denkt man in solchen Kategorien. Und als Künstlerin? „Ich hatte erst wieder Lust, eine Platte zu machen, als ich ein kleines Label fand, bei dem die kommerziellen Interessen nicht im Vordergrund stehen“, sagt van der Meer.

In der Zwischenzeit schrieb sie Drehbücher oder komponierte für Filme wie „Nachts im Park“ (mit Heino Ferch und Heike Makatsch) und „Meschugge“ (von Dani Levy und Maria Schrader). Sie sind auf „Luciferin“ ebenso enthalten wie ihr Beitrag zu „Lola rennt“. Die CD hat viel nachzuholen. Und sie? „Ich bin kein Übungsraum-Mensch. Ich brauche das nicht, das ständige Proben von Stücken, bis es alle draufhaben.“ Und da Schneider und Lauber ohnehin für eine Tournee nicht mehr zu gewinnen wären, folgt sie heute dem Beispiel anderer Frauen. Sie stellt einen Ghettoblaster auf die Bühne und singt. Die Show hat sie in ihrem Schlafzimmer geprobt. Als Mikrofon diente ihr eine Haarbürste.

Susie van der Meer stellt „Luciferin“ am 14.11. auf der Hoppetosse vor (Eichenstr. 4, Treptow), 22 Uhr.

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