Kultur : "Texas Story": Ein Hauch von Gaga

Ralph Geisenhanslüke

Wie viele amerikanische Wertvorstellungen werden in der folgenden Szene verletzt? Eine attraktive weiße Frau hat Sex im Freien mit einem farbigen Mann. Der Mann hat eine Unterarm-Prothese. Sie sitzt auf ihm. Sie hält es nicht für nötig, ihr Kleid abzulegen. Sie redet davon, wie entspannend das ist, was sie gerade tun. Sie raucht dabei.

So beiläufig wie William Blake Herron in seinem Debüt "Texas Story" die Konventionen von Hollywood aushebelt, so leicht packt er sein eigentlich schweres Thema an: den Abschied von einem Toten. Seinem Enkel erscheint Grandpa Sparta (Martin Sheen) immer wieder in Tagträumen, seine Witwe möchte wenigstens ein Ohr von ihm behalten, und die Söhne drohen sich an seinem Testament zu entzweien. Der Strudel familiärer Verwicklungen beginnt sich zu drehen. Bei allem Ernst wird die Geschichte immer wieder durch eine irreale Komik aufgebrochen: Die Whits züchten seit Generationen Kamele und Robert E., das letzte Tier findet in einem Riesensarg neben dem Patriarchen seine letzte Ruhe. "Das Leben ist ein Lastkamel", sagt der Großvater dem Enkel, als er sich verabschiedet.

Die weiblichen Clan-Mitglieder werden unterdessen von körperlichem Begehren heftiger erfasst, als es im Texas der späten Sechziger schicklich wäre. "Die Sklaverei war Gottes Strafe für die Negersünde, die Dschungel-Lust und all das", findet die eine. Die andere, siehe oben, macht es sich weniger kompliziert. Miranda, so heißt sie, hat Freigang aus der Nervenheilanstalt. Auch hinter ihrer lebenslustigen Fassade liegt eine Wunde.

Herrons magischer Realismus verbindet solides Erzählen mit einem Hauch von Gaga. Aber gerade die leicht verschobene Optik und die leicht verschrobenen Charaktere sorgen dafür, dass "Texas Story" zur Sache kommt. Obwohl bei den Whits jeder seine Lügen und Geheimnisse mit sich herumträgt, finden am Ende alle ihre Wahrheit. Es knistert nicht in jeder Szene - aber wenn, dann ist es das wie das gemütliche Knistern eines Lagerfeuers. Das gibt es eben nur in Texas.

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