Text-Installation von Ulrike Damm : Wüste Wörter

Begehbare Romane in den Galerieräumen der Zitadelle Spandau: Die Autorin Ulrike Damm hat ihre Texte in eine Installation aus 3000 Papierbögen und Zetteln verwandelt.

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Umblättern unmöglich. „Ich bin nicht müde, ich bin verrückt“ heißt der unverlegte Roman, der sich hier auf meterhohe Papierbögen verteilt.
Umblättern unmöglich. „Ich bin nicht müde, ich bin verrückt“ heißt der unverlegte Roman, der sich hier auf meterhohe Papierbögen...Foto: Mike Wolff

Die Wörter wanken. Sie schwanken über das Papier, bedrängen einander, verhakeln sich. An anderen Stellen wiederum schließen sie nicht auf, lassen Lücken zu, vereinzeln sich. Unmöglich, sie einfach nur zu lesen. Diese mal leicht, mal schwer zu entziffernden Sätze, Passagen, Seiten lassen sich nur anschauen – wie ein Bild. Ein Bild, das einen Text wiedergibt, doch zugleich sinnlich erfahrbar von Angst, Wut und Trauer spricht. Eine Geschichte, die raumgreifend ist. So auf 94 meterhohe Papierbögen übertragen und nebeneinander gehängt.

Die Textinstallation „Die Poesie des Buchhalters“ von Ulrike Damm ist die erste Ausstellung, die im Obergeschoss der neu renovierten Galerieräume in der ehemaligen Kaserne der Zitadelle Spandau zu sehen ist. Die preußische Historie sieht man den neutralem Räume nicht mehr an. Und Damms mit grauem und blauem Bleistift auf 3000 Bögen, Zettel und Karteikarten gebrachte Texte haben Raum zum Atmen. Dass die Handschrift mit ihren Schwüngen und Schlaufen die Mutter der Malerei ist, ist hier leicht zu begreifen. Und so ist es nur konsequent, dass die Designerin und Autorin ihre Arbeiten „Zeichnungen“ nennt. Auch wenn Damm im Gegensatz zu anderen Künstlern, die Schrift mit Malerei kombinieren, nichts anderes zeigt als drei unveröffentlichte Romane, die sie auf diese Weise in ungewöhnlicher Form unters Volk bringt.

„Bei mir geht es immer um Sprache“

Ein Verlag hat sich für die drei Manuskripte nämlich noch nicht gefunden, auch wenn das Büchermachen Damms eigentlicher Beruf ist. Die 1957 in Frankfurt am Main geborene Verlegerin gestaltet seit Jahrzehnten mit ihrem Mann Jochen Boberg, Gründer des Museumspädagogischen Dienstes in Berlin, Künstlerbücher. Außerdem lehrt sie Design, gestaltet Ausstellungen und Firmenwerbung. Schon als Designerin hat sie viel mit Handschrift gearbeitet und an der Hochschule mit Studenten aus acht Ländern deren jeweilige Muttersprache visualisiert.

Autorin, Designerin und Verlegerin Ulrike Damm, Jahrgang 1957.
Autorin, Designerin und Verlegerin Ulrike Damm, Jahrgang 1957.Foto: Mike Wolff

„Bei mir geht es immer um Sprache“, sagt Damm. Vor einigen Jahren begann sie selbst zu schreiben. Ganz normal am Computer. „Ich bin nicht müde, ich bin verrückt“ heißt ihr erstes, 2013 beendetes Buch. Darin erzählt sie von einer 63 alten Frau namens Augustine, die ihr Gedächtnis und ihre Sprache verliert. Augustine hat Alzheimer, so wie Ulrike Damms Mutter. Die Familie verschwieg der Patientin in ihrem schon verwirrten Zustand die Diagnose. Eine damals gut gemeinte Entscheidung, die Damm im Nachhinein bereut, wie eine Textstelle verrät. „Das Sterben meiner Mutter dauerte lang. Am Anfang konnte sie sich zusehen dabei. (…) Wir haben die Wahrheit gewusst – sie hat sie am eigenen Leid erfahren. Das Schweigen – die längste Lüge meines Lebens dauerte sechzehn Jahre.“

Die Passage ist in der Ausstellung ebenfalls als Textauszug zu sehen, in mehrfacher Wiederholung, auf einem extralangen Papierbogen. Von Mal zu Mal fehlen mehr Wörter, sind Sätze immer wüster durchgestrichen. Nur wenige Wörter bleiben leserlich: Schweigen, Nichts, Mutter, Vergessen. Die Schrift gestaltet das Psychogramm einer das Individuum ausradierenden Krankheit.

Fünf Wochen lang, sechs Stunden am Tag schreiben

„Der Text war wie ein Herzstück für mich“, sagt Ulrike Damm, „ich wollte, dass er sichtbar wird.“ Weil ihn keiner druckte wollte, schritt die zupackende Frau selbst zur Tat, zog Papier von einer großen Rolle und schrieb. Fünf Wochen lang, mehr als sechs Stunden jeden Tag, über einen großen Tisch gebeugt. Ohne konzeptuelle Absicht, einfach, weil es sein musste, weil der Inhalt Form werden wollte. Trotz müdem Schreibarm und schmerzendem Rücken. Dabei habe sie die Geschichte noch einmal durchlitten, sagt Damm, und gestaunt, wie der gezeichnete Text immer stärker wurde. „Mit der Handschrift geht der Text durch den Körper hindurch. Das ist der Unterschied.“

Das ist allerdings ein körperlicher Effekt, von dem nur die Schriftzeichnerin selber etwas hat. Für den Betrachter bedeutet die Verstärkung zugleich eine Verfremdung, weil die Geschichte nur noch fragmentarisch lesbar ist. Das gilt auch für die beiden anderen Manuskripte „Musik stört beim Tanzen“, dem Tagebuch einer vermeintlich Kranken, und die titelgebende Paargeschichte „Die Poesie des Buchhalters“. Ersteres ist auf 900 Zettel verteilt, die auf schwarzem Karton kleben, das zweite über an die Wand geklebte Karteikarten und an Fäden aufgehängte Zettel verteilt. Wie in aller Welt soll da ein Betrachter Anfang, Ende und Textverlauf begreifen? Womöglich gar erkennen, ob die Erzählung als Roman funktioniert? Ja, ihn überhaupt verstehen?

Zettelwirtschaft in der Zitadelle Spandau
Zettelwirtschaft in der Zitadelle SpandauFoto: Mike Wolff

Wörtern den Platz einräumen, der ihnen zusteht

Ulrike Damm winkt ab. Genau darum ginge es nicht. Keiner müsse den Anspruch haben, alles zu verstehen, sagt sie. „Weder im Text noch im Bild noch in Beziehungen oder gar im Leben.“ Selbst sie wirkt beim Herumgehen in den Räumen manchmal wie eine Besucherin. Wo stand noch mal jenes Zitat? Damm macht lange Schritte, vom einen zum anderen gesuchten Satz. Das Bild hat was: Eine Autorin, die in ihrem Buch nicht blättert, sondern den Raum abschreitet, um die gesuchte Stelle zu finden. Immer wieder stockt sie beim Vorlesen, hat sie Probleme, den Text zu entziffern. Als sei die Geschichte nicht von ihr, sondern jemand anderem geschrieben. Da hat sich die Form offensichtlich nicht nur den Inhalt gegriffen, sondern gleich ihr Eigenleben entfaltet. Eins, das viel dringlicher, kraftvoller wirkt, als es Sprache sonst tut, und Wörtern wie „Schweigen, Nichts, Mutter, Vergessen“ den Platz einräumt, der ihnen zusteht. So, wie es sonst nur die Lyrik versteht.

Damms jüngstes Werk als Verlegerin ist denn auch Ingeborg Bachmann und Anna Achmatova gewidmet. Darin findet sich das Gedicht „Wahrlich“, das Bachmann Achmatova gewidmet hat. Es liest sich wie ein Kommentar der Dichterin zu Damms Ausstellung. „Wem es ein Wort nie verschlagen hat, / und ich sage es euch, / wer bloß sich zu helfen weiß / und mit den Worten – // Dem ist nicht zu helfen. / Über den kurzen Weg nicht und nicht über den langen. // Einen einzigen Satz haltbar zu machen, / auszuhalten in dem Bimbam von Worten. // Es schreibt diesen Satz keiner, / der nicht unterschreibt.“

Ulrike Damm hat unterschrieben. Gleich 3000 Mal.

Zitadelle Spandau, Am Juliusturm 64, bis 30. 4., Mo–So 10–17 Uhr. Am Do 9. 2. um 19 Uhr liest Hannelore Hoger dort aus „Ich bin nicht müde, ich bin verrückt“.

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