Textile Tradition : Großer Stoff fürs Kino

Heute schließt sich der Vorhang der Berlinale. Die Stoffbahnen gehören zum Filmerlebnis dazu – warum eigentlich? Ein Ausflug in Kinos und Geschichte.

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Am Telefon hat er gesagt: „mausgrau“. Aber jetzt, beim Hinsehen aus nächster Nähe, muss sich Timothy Grossman ein bisschen korrigieren. Ein kleiner roter Schimmer ist schon auch zu sehen. Vielleicht ein rot-blauer. Egal. Entscheidend ist sowieso, was der Samtvorhang kann: im richtigen Moment zur Seite rollen, wenn im Babylon am Rosa-Luxemburg- Platz der Film beginnt.

Manche halten die Stoffbahnen für ein unnötiges Relikt. Timothy Grossman, der Babylon-Geschäftsführer, findet sie unverzichtbar. Weil ein Vorhang dem Kinobesucher helfe, sich auf den Film einzulassen. „Solange er geschlossen ist, denkt der Zuschauer, dass sein Leben ganz bei ihm selbst ist.“ Und sobald die Stoffbahnen beiseite schweben, beginnt auf der Leinwand das Leben.

Es gibt noch erstaunlich viele in Berlin. Gerade in den kleineren Häusern. Sie werden aus der Kabine des Vorführers per Knopfdruck bedient, eine alte Regel lautet: Das erste Bild des Films muss auf den Vorhang fallen, erst dann darf er den Blick auf die Leinwand freigeben. Die meisten werden zur Seite gezogen, das nennt sich „griechischer Vorhang“. Sein Gegenstück, der „deutsche“, verschwindet in der Decke und kann deshalb am Vorstellungsende sprichwortgetreu „fallen“. So wie der rote Rüschenvorhang im Zoopalast, der jahrzehntelang als der schönste der Stadt galt. Das Kino wird erst nach der Sanierung Ende 2012 wieder öffnen, bis dahin hängt der beeindruckendste Vorhang Berlins im Kino International in der Karl-Marx-Allee. Der ist paillettenbestickt und glitzert silbern, bei Premieren wirkt das extrem glamourös, wenn die Stargäste auf die Bühne gebeten werden und hinter ihnen funkelt es wie wild. In seiner Mitte hat der Vorhang eine weithin sichtbare Auffälligkeit: Eine Stoffbahn wurde verkehrtherum angenäht. Das Stück hängt schon seit 1969, seit der Kino-Eröffnung, und ein Gerücht besagt, der Makel sei Absicht gewesen – da habe jemand die Oberen der  SED ärgern wollen, die hier am liebsten in der achten Reihe saßen, wegen der besonderen Beinfreiheit.

Ein Vorhang kann auch ganz praktische Vorzüge haben. In der „Kurbel“ in Charlottenburg wird er zum Zeitüberbrücken genutzt, wenn nach der Werbung die 35-Millimeter-Rolle gewechselt wird. Zu, auf, schon hat man 30 Sekunden rum, sehr atmosphärische noch dazu, denn der Vorhang der Kurbel glitzert mit eingearbeiteten Goldfäden, und zwei Strahler leuchten rot drauf. „Am liebsten würde ich auch den Gong wieder einführen“, sagt Chef Tom Zielinski. Dessen Klang ermahnte noch in den sechziger Jahren in manchen Kinos zum Hinsetzen, ein weiteres, vom Theater übernommenes Ritual.

In den Zwanzigern boten die großen Berliner Lichtspielpaläste sowieso beides: Bühnenshow und Kino. Zuerst gab’s Varieté oder Kabarett, manchmal ein Wasserspiel, dann leiteten Vorhang und Gong zum Film über.

Dass die hängenden Stoffe dabei möglichst glamourös wirken sollten, hat mit einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Theater zu tun – mit dem Gefühl, dass Kino die weniger angesehene Kunstform ist. Das vermutet jedenfalls Filmhistoriker Wolfgang Jacobsen von der Deutschen Kinemathek. „Und dieser Nobilitierungszwang hat sich bis heute gehalten.“ Er drücke sich etwa darin aus, dass Schauspieler bei Premieren über rote Teppiche stolzieren, vorbei an Fanmassen und Fotografenhorden. Beim Theater gibt es das nicht.

So gesehen stellt das Babylon Mitte eine Ausnahme dar. Architekt Hans Poelzig ließ das Haus 1929 im Stil der Neuen Sachlichkeit erbauen, und als 2001 saniert und ein neuer Vorhang gebraucht wurde, sollte der sich ins Gesamtbild einfügen. Deshalb mausgrau. „Bei einem Glitzerteil hätte sich Poelzig im Grab umgedreht“, sagt Timothy Grossman. Angefertigt hat ihn eine Spezialfirma aus Stuttgart, gereinigt werden musste er noch nie. Die ständige Bewegung verhindert, dass Staub haften bleibt.

Der Saal im Babylon birgt ein Geheimnis. Hinter der großen Leinwand befindet sich nämlich eine zweite, kleinere, die speziell für Stummfilme gedacht ist. Im Juli werden sie die vordere runterfahren, für das Charlie-Chaplin-Festival. Und jetzt kommt’s: Die zweite Leinwand hat einen eigenen Vorhang. Aus blauem Samt. Der wird auf- und zugehen, dass es eine Freude ist.

Normalerweise sollen Vorhänge im Kino glamourös aussehen – mit einer Ausnahme

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