Kultur : Thalia-Inferno: Wasserspiele im Fegefeuer

Das Thalia unter Wasser. Die Bühne ein weiter, dunkler See, aus dem Männerleiber auftauchen - die Wände aus silberrostig gewelltem Barackenblech staffeln sich in versetzten Halbkreisen bis fast unter die Decke, ein Wellblechtempel, ein Totensee. Bilder, die den Atem verschlagen, haben der slowenische Regisseur Tomaz E. Pandur und seine Bühnenbildnerin Marina Hellmann geschaffen für Dantes mittelalterliche Hölle. Zuerst aber versperrt eine Wand aus Fotos den Blick, Fotos, die nur erkennt, wer mit der Nase davor steht,Kohl, Joschka Fischer, Miss Marple, Kinderbilder.

Europa? Die Wand hebt sich, eine Art Regal fährt nach oben, worauf ein schöner halbnackter Mensch elegisch liegt, mit Flügelchen blutig eingerammt in seine Waden: Angel Balkan. Er spricht "den Toten leihe ich meine Stimme". Den Toten des Balkan? Wir sind in der Hölle, keine Frage. Halbnackte Männerleiber bäumen sich auf, sinken hernieder, Leiber, Glieder recken sich in die Luft. Man denkt an Hieronymus Bosch, an Pieter Breughel, an Sandro Botticelli.

Und das ist es dann auch schon: Bilder, Bilder, je länger, je schwüler, ja schwuler. Dante Alighieris "Göttliche Komödie" ist ein Riesenwerk, begründete die italienische Literatur, umfasst das Wissen des Mittelalters geradezu enzyklopädisch, vergleichbar Goethes Faust zwei. Eine Weltgedicht in hundert Gesängen und über 14 000 Versen, die Wanderung des Dichters Dante durch Hölle und Läuterung zum Paradies.

Tomas Pandur, ehemaliger Leiter des slowenischen Nationaltheaters in Maribor, hat bereits 1994 eine aufsehenerregende dreiteilige Fassung der "Göttlichen Komödie" bei den Salzburger Festspielen gezeigt. Das Thalia-Inferno ist jetzt der erste Teil einer neuen Fassung, zwei weitere - Purgatorio und Paradiso - sollen folgen. Vergil führt Dante durch die Hölle. Das ist die Handlung. Pandur und seine Schwester und Dramaturgin Livia Pandur verwandeln das nicht in Theater. Sie dampfen die Gesänge des Höllenteils zu einem nahezu unverständlichen Dante-Eintopf ein, thematisieren ein bisschen den Dichter Dante, ein bisschen das Werk, beziehen sich etwas auf den Balkan und Europa. Was dabei bleibt ist ein verschwommenes, bombastisches Wasserspiel, das, angesichts der rein auf Männer ausgerichteten Fantasie, dieses Schwelgens in Männerleibern, auf Dauer ziemlich öde wirkt: mal schlammverschmiert, mal blutig, mal im Schulterstand, mal kopfüber hängend - sinnlose Exerzitien. Eine Mischung aus religiöser und schwuler Träumerei. Umhüllt von der Musik des Komponisten Goran Bregovic, die anfangs balkanesisch anrührend klagt, dann aber zunehmend sakral trommelt, jammert und quäkt. Geradezu erlösend ist einmal ein englisches Liedchen eingestreut, "Delicious Solitude". Das singt zart Beatrice (Fritzi Haberlandt), als sie auf der Gondel hereingleitet, eine gespenstische Heroine, um Dante an sein Buch zu ketten. Thomas Schmauser als der Dichter wütet und watet und rüttelt an der Buch-Kette - und ist der Versmelodie nicht ganz gewachsen. Dieter König als Vergil blickt wie ein freundlicher Ölgötze meist stumm auf der gewässerten Bühne herum und muss am Ende ein tief dekolletiertes Lederleibchen tragen. Die aparteste Idee war gewiss, dass er immer wieder Dantes Schweiß mit seiner Hand vom Gesicht abnimmt und ableckt.

Schöne Gruppierungen, mangelnde Spracharbeit, seltsame bis banale Sätze. Dante erklärt sich und darf dann mal eine der zwei hohen Leitern emporklettern und wie eine Fledermaus durch den Raum schweben und wieder herabklettern. Und ein Jüngling steht wie Christus am Kreuz mit Feuer auf den Handflächen und Beatrice ritzt sich bei ihrem zweiten kurzen Auftritt am Ende schrecklich kreischend die Glieder blutig - mit Dantes Schreibfeder. Ach, und Hildegard Schmal kommt plötzlich angeflogen als rasende Journalistin, frisch onduliert und natürlich in schwarzem Leder, und teilt dem Publikum die Quintessenz der Wasserspiele mit: "Dante ist die Seele, Vergil der Verstand, Beatrice die Barmherzigkeit." Und: "Dante wird nicht gelesen." Aber leider hier auch nicht aufgeführt. Und dann erklärt der Balkanengel abschließend nochmal die Veranstaltung: "Ich könnte Deine Hölle sein, Alighieri, denn mein Name ist Balkan. Und deiner Europa." Das ist der Balkan- und Europa-Bezug? Das ist Balkan- und Männer-Kitsch - unverdaulicher.

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