Kultur : Thalia-Theater: Dienstbotengrufties mit Sterntalerputzfrau

Ulrike Kahle

Ein böses Stück. Ist es ein böses Stück? Vier Dienstboten, drei davon steinalt, die Herrin in der Tiefkühltruhe. Was tun sie? Die drei Alten ziehen über die verbrecherische Herrschaft her, giften sich gegenseitig an, lamentieren über ihr Leben. Menschenruinen. Der Chauffeur wird laut Regieanweisung sogar "dargestellt von seinem Hund".

Hündische Ergebenheit, verinnerlicht, veräußerlicht. Wie spielt man das? Heraus kommt bei der Uraufführung im Hamburger Thalia-Theater in der Gaußstraße ein hübsch ausgestellt inszeniertes Theaterstück auf einem Laufsteg, der sich der Länge nach mitten durch den Raum zieht. Mit zwei bewundernswert von Hildegard Schmahl und Almut Zilcher gespielten alten Dienstbotenschachteln, mit einem jungen Putzfrau-Sterntalerwesen, das die poetischen Stellen hat und sich am Ende massakriert, klar und liebreizend dargeboten von Victoria von Trauttmansdorff. Dazu der hechelnde Chauffeur, den man nicht unbedingt als Hund identifiziert, eine abstruse, sehr unwirkliche Kunstfigur (Markus Graf) und dessen stumme Stellen "Stille Liebe" nicht als Liebesgedenken an seine tote Frau kenntlich werden.

Stilisierung, Theatralisierung, das bringt hier Verundeutlichung. Auch die weiße Truhe muss keineswegs eine Tiefkühltruhe sein. Sie könnte genauso gut eine Musiktruhe darstellen. Denn aus ihr ertönen geheimnisvoll zaghaft schöne Koloraturen. Da liegt sie also drin, die Dame des Hauses? Die Koloraturen - ihr Atem? Alles ein bisschen sehr inszeniert und bloß behauptet, vor allem, wenn man so greifbar nah auf beiden Seiten des Laufstegs sitzt wie das Publikum in der Gaußstraße.

Am schönsten ist der Beginn, wenn Hildegard Schmahl Jakobs biblischen Kampf mit dem Engel für sich kämpft. Gesegnet will sie werden, und sie ringt mit Gott, den sie unflätig beschimpft, als er nichts tut. Bis er der Lästigen mit einem Himmelsschwert ihre Hüfte kaputtschlägt. Der Segen eines langen Dienstbotenlebens.

Es ist ganz dunkel, Frau Schmahl wandert schemenhaft auf dem Steg hin und her, und ihre Stimme allein macht alles: ist breit und borstig, wütend und ganz wunderbar. Dann tritt Almut Zilcher auf, ebenfalls im Dunkeln, beschwört ihre Jugend, und ihre Stimme ist schmal und süß und jung. Dann wird es leider ganz hell, und das Theater ist zu sehr Theater. Die beiden - Martha, die Köchin und Anna, die Schneiderin - sind herrliche weibliche Clowns, die eine kräftig, die andere zart, vor allem aber sind sie Theaterfiguen, obwohl sie sicher nach realen Vorbildern aus Dea Lohers bayrischer Heimat gebildet sind. Sie erinnern im schwarzen Kleid und weißen Schürzchen sehr an Genets Zofen und lassen deshalb sofort auch etwas vermissen. Die Travestie, die Abgründe und vor allem die Gegenspielerin, die Herrin. Sie erinnern an die ewig aufeinander angewiesenen, untrennbar ineinander verzahnten, sich liebhassenden Beckett-Paare. Und als die Schneiderin von ihrem kaputtalkoholisierten Mann Hermann (!) spricht, denkt man an Werner Schwab und seinen Hermann Wurm.

Leider scheinen wirklich alle Dienstbotenstoffe, alle bösen Alt-Paarungen, alle bayerische oder österreichische Kleineleute-Verzweiflung und -Bösartigkeit auf dem Theater längst bekannt. Ein verbrauchter Stoff, aus dem Dea Loher trotz ihrer kraftvollen Sprache keine neuen Funken schlägt. Und den Regisseur Dimiter Gotscheff mit seiner stilisierten Umsetzung noch schwächt. Liest man das Stück, ist alles schärfer, schmutziger, realer, gebrochener. Das fängt mit der Tiefkühltruhe an, die hier wirklich wie eine geheimnisvolle, märchenhafte Musiktruhe wirkt oder auch wie eine weiß gepolsterte Sitzbank und die keineswegs Lohers Kindheits-Erinnerungen ahnen lässt: an das väterliche Forsthaus mit gehäutetem, blutigem Wildbret, den zwei Tiefkühltruhen im Keller wie Sarkophage.

Viel schöne Kunst und minutiöse mimische Arbeit der beiden, ja, Diven. Man muss sie bewundern, die schöne Kunstanstrengung, das Monstrum der Schmahl, das unversehens grauenhaft geil werden kann, oder die 90-jährige gebeutelte Edelbittere der Zilcher. Ergreifend ist aber nur die Trautmansdorff als ausländische Putzfrau Xana mit ihren Sterntaler-Einlagen. Ein Mädchen, ganz allein, alle sind tot, Mutter, Vater, Geschwister bis zur Cousine zweiten Grades, ohne alles, nur mit Gottvertrauen. Das ist böse, das ist komisch, das ist traurig. Beim zweiten Sterntalerauftritt gibt sie ihre Kleider weg, beim dritten ihr Leben, mit dem letzten Restchen Gottvertrauen, um des Glückes willen. Sie stirbt. Kein Glück auf dieser Welt. Das wird hier zur Ketchup-Nummer. Die Sterntalerputzfrau wird man trotzdem nicht vergessen. Eine Figur, als hätte sie sich die Autorin auf den Leib geschrieben.

Worum geht es? Um das unerreichbare Glück, um den nicht vorhandenen Gott, um Menschen, die ihr Leben als Dienstboten verbringen müssen, erniedrigt im Dienst nicht von etwas Höherem, sondern im Dienst einer gemeinen, bösartigen Herrschaft, darum geht es. Es geht vielleicht auch um die Zukunft, um unsere Zukunft, wo alle alt und älter werden, wo man nur noch in Höhlen leben kann und nicht mehr hinaus in die Sonne darf, wo die meisten im "Dritten Sektor", dem Dienstleistungssektor arbeiten. All das bleibt jedoch vage, leider.

Dea Loher hat seit 1992 neun Theaterstücke geschrieben. Sie ist die beständigste und erfolgreichste deutsche Bühnenautorin, ernsthaft, sprachmächtig und mit breiter Themen-Palette. Vor einem halben Jahr bezauberte sie am Thalia mit "Klaras Verhältnisse". Aber diese Dienstbotengrufties, sie bleiben uns fern.

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