Kultur : That’s amore

Dean Martin stieg nach dem Krieg zum US-Idol auf. Eine Biografie untersucht seine Beziehung zur Mafia

Christian Schröder

Frauen waren nie sein Problem. Was er brauchte, waren die Männer. Die Zuhörerinnen himmelten ihn ohnehin an, und genau deshalb verachteten ihn ihre Begleiter. Aber die Männer an den Tischen zahlten die Rechnungen, und diese Rechnungen waren der Maßstab, an dem sein Wert gemessen wurde. Je größer der Umsatz, desto besser der Entertainer. Februar 1941 im Ballsaal des Hollenden Hotel in Cleveland. In Europa ist Krieg, doch Amerika bleiben noch ein paar Monate, in denen es sich amüsieren kann. Auf der Bühne steht ein spilleriger junger Bursche, der als Dino Grocetti geboren und seit ein paar Jahren als Dino Martini durch die Provinz getingelt war. Jetzt nennt er sich - auf Empfehlung seines Bandleaders - Dean Martin, das klingt amerikanischer. Er singt einige Schmachtfetzen, die ihr Verfallsdatum eigentlich bereits überschritten haben. Martins Tenorstimme klingt weich und tief, vor allem: lässig. Sie lässt nichts übrig vom Pathos der zu Tode gecoverten Songs. Martin singt sie so, als ob er seine Zuhörer allein mit der Kraft seines Timbres verführen wolle. „Dean legte es darauf an, die Männer mit der Illusion von Kumpanei auf seine Seite zu ziehen“, schreibt Nick Tosches. „Und er kriegte sie. Sie kamen Abend für Abend, ohne Eifersucht oder Minderwertigkeitskomplexe - sie genossen ihn als einen der ihren, als einen Mann unter Männern, während ihre Ehefrauen oder Geliebten neben ihnen saßen und feuchte Höschen bekamen.“

Derlei Schlüpfrigkeiten muss man bei einem Autor in Kauf nehmen, der mit Hunter S. Thompson und Lester Bangs dem Gonzo-Journalismus amerikanischer Rockmagazine wie „Rolling Stone“ und „Creem“ entstammt. Tosches schreibt hartgesotten und gleichzeitig episch. Die Dean-Martin-Biografie ist, nach Büchern über Jerry Lee Lewis und Sonny Liston und mehreren Romanen, sein Opus magnum. „Dino“, gut 700 Seiten dick und zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung in den USA nun endlich ins Deutsche übertragen, ist eine Tiefenbohrung in die amerikanische Seele, ein melancholischer Chorgesang in wechselnden Stimmen, manchmal im Gossenjargon, manchmal in Danteschen Lyrismen vorgetragen. Die US-Unterhaltungsindustrie, das ist die These, war in ihrem Goldenen Zeitalter, den dreißiger bis sechziger Jahren, ein Geschöpf der Mafia. Mit der organisierten Kriminalität ist Dean Martin, der 1917 als Sohn einer italienischen Einwandererfamilie in der Stahlarbeiterstadt Steubenville zur Welt kam, buchstäblich groß geworden. Bevor er mit Anfang zwanzig beschloss, Sänger zu werden, arbeitete er als Croupier in einer illegalen Spielhölle. Dabei entwickelte er großes Geschick, immer wieder Silberdollars in seinen übergroßen Slippern verschwinden zu lassen.

Auch böse Menschen haben Lieder

Später kreuzten sich seine Wege zwangsläufig mit den Größen des Berufsverbrechertums. Las Vegas, wo er in Showbizz-Kathedralen wie dem „Sands“ und dem „Cal-Neva“ Triumphe feierte, war von dem Westküsten-Paten Bugsy Siegel gegründet worden. Auch in Chicago, New York, Atlantic City waren viele Nachtklubs, in denen Martin auftrat, rentable Profitcenter des Mobs. Martin Scorsese hat die Filmrechte an „Dino“ erworben. Sollte sein Dean-Martin-Film jemals Wirklichkeit werden, ist mit einem Breitwandmelodram über das Böse im Stil von „Casino“ oder der in Amerika gerade angelaufenen „Gangs of New York“ zu rechnen. Dabei stand der Sänger zwar auf vertrautem Fuß mit den Gangstern, doch wirklich eingelassen mit ihnen hat er sich nie. „Sie liebten ihn“, erzählt sein Bühnenpartner Jerry Lewis. „Aber sie wussten, dass es keinen Zweck hatte, mit ihm auf geschäftlicher Basis reden zu wollen. Ich hab mehr als einmal gehört, wie er zu diesen Leuten gesagt hat: ,Wendet euch an den Kleinen´.“

Paradoxerweise scheint genau dies Dean Martins Erfolgsgarant gewesen zu sein: die Distanz, die er zwischen sich und der Welt aufzurichten wusste. Sein Understatement war nicht gespielt. Er hielt tatsächlich nicht viel von seinem Können. Das Singen hatte er im Friseursalon seines Vaters gelernt. Eine Kunst hat er darin nie gesehen. Seine Lieder klangen unangestrengt, ihnen fehlte jedes Tremelo, das machte sie unwiderstehlich. Selbst Gaga-Zeilen wie „When The Moon Hits The Sky Like A Big Pizza Pie“, 1953 der Refrain seines Hits „That`s Amore“, störten ihn nicht weiter, er sang sie mit entwaffnender Nonchalance. Später waren Martins Konzerte dafür berüchtigt, dass er, mit einem Whiskyglas auf dem Barhocker thronend, die Intros zerplauderte und jeden Song spätestens nach der zweiten Strophe abbrach.

Unnahbarkeit gehörte zum Naturell des Sängers, Tosches benutzt ein italienisches Wort, um seine Entrückung zu beschreiben: lontananza, Ferne. Den Panzer, der ihn umgab, konnten nicht einmal die Menschen durchdringen, die ihm am nächsten standen. Seiner Frau antwortete er abends auf die Frage „Was war heute?“: „Nichts Besonderes.“ In den Fernsehnachrichten sah sie dann einen Bericht, wie die Königin von England beim Besuch von Dreharbeiten Dean Martin vorgestellt wurde. Michael Althen hat Martin in seiner 1997 erschienenen Biografie einen „Incommunicado“ genannt. Tosches bezeichnet ihn als „Fremden, nicht bloß für die anderen, sondern sogar für sich selbst“.

Allein hätte Martin den Aufstieg aus den Hotel-Ballsälen und Vaudeville-Theatern, durch die er in den Vierzigerjahren tingelte, vermutlich nicht geschafft. Gemeinsam mit Jerry Lewis war er unschlagbar. Ein paar Mal hatten sich ihre Wege schon gekreuzt, als sie 1946 im „500 Café“ in Atlantic City zum ersten Mal zusammen auf die Bühne traten und aus dem Stegreif ein paar Zugaben improvisierten. Lewis war bis dato als „Schallplattenpantomime“ aufgetreten, der sein Gesicht zu Vollplayback zerknautschte, im Crooner Martin fand er den idealen Widerpart für seinen anarchischen Slapstick. „Die Jungs nehmen sich gegenseitig auf die Schippe, fallen einander rücksichtslos ins Wort, schneiden die wildesten Fratzen und verwandeln den Saal in ein Tollhaus“, jubelte „Billboard“. Martin, der Itaker aus dem mittleren Westen, und Lewis, der neun Jahre jüngere Jude aus Brooklyn: ein hochexplosives Gemisch, so komisch wie Abbott und Costello und die Marx Brothers zusammen. Lewis selber nannte ihre Kombination „ein Leierkastenmann und ein Affe“.

Helden des Postalphabetismus

Über ausverkaufte Auftritte in immer größeren Sälen und erste Massenhysterien an eingekeilten Hoteleingängen führte ihr Triumphzug zur „Martin & Lewis“-Show erst im Radio, dann im Fernsehen und schließlich nach Hollywood, wo sie 16 Filme miteinander drehen sollten, die „Seemann pass auf“, „Der Tolpatsch“ oder „Der tollkühne Jockey“ hießen. Tosches feiert sie als „Geschöpfe und Schöpfer eines postheroischen, postalphabetischen Amerika“. Ihre Erfolge fallen in die Miefigkeit der restaurativen Eisenhower-Ära, die Verklemmungen dieser Jahre sind in ihren Filmen zu spüren. Die komische Wirkung von Martin und Lewis sei heute, so Tosches, „ebenso schwer zu begreifen wie die Syntax und das Versmaß eines Catull“. Während die vom Billig-Mogul Hal Wallis produzierten Filme immer einfältiger wurden, gerieten die beiden Stars hinter den Kulissen immer öfter aneinander. Lewis, der in der Publikumsgunst vorne lag, spielte sich als Chef auf, Martin zog sich in sein Schneckenhaus zurück. Am Ende hatte „das größte Doppel der Geschichte“ (Michael Herr) seine Gemeinsamkeiten aufgebraucht. Ihren Abschied vollzogen sie am Telefon, in einem Hotel, in dem sie nach einer letzten gemeinsamen Bühnenshow abgestiegen waren. „Wir haben ein paar schöne Zeiten gehabt, nicht wahr?“, sagte Lewis. „Ja, das denke ich auch. Also - halt die Ohren steif“, entgegnete Martin. Dann legten beide den Hörer auf.

Nick Tosches: „Dino. Rat-Pack, die Mafia und der große Traum vom Glück“, aus dem Amerikanischen von Fritz Schneider, Heyne, München 2002, 704 Seiten, 12,95 Euro.

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