Kultur : "The angry Jew": Die Vogelhaftigkeit des Autors muss man ernst nehmen

Kerstin Decker

Der amerikanische Professor trägt einen bedrohlich hohen Stapel Papier zum Pult der American Academy am Berliner Wannsee. Der Entwurf eines mittleren Lexikons? Der Professor legt seine schwere Hand auf den Stapel. Noch kann er das. "The angry Jew" steht auf der ersten Seite. Der ärgerliche Jude? Merkwürdige Überschrift für eine Jurek-Becker-Biografie. Wahrscheinlich wäre sie keinem eingefallen, der aus der DDR kommt. Becker auch nicht. Natürlich wussten wir, dass Becker Jude ist, und doch dachten wir seinen Namen immer ohne diese Betonung. War uns und ihm selbst jene Identität denn nicht wichtig? Ich bin das Kind polnischer Juden, hat er gesagt. Im Übrigen, sollte das wohl heißen, sei er er selbst.

Und nun, posthum, wird aus ihm der "ärgerliche Jude". Der Titel passte viel besser auf Broder oder Seligmann. Gilman sagt das auch. Und doch, sein Freund Jurek Becker hat "Jakob der Lügner", dieses wunderbare Buch über den Holocaust geschrieben. Das hat Gilman gelesen, schon ganz früh. Er begann, die Lebensläufe zu vergleichen. Der DDR-Schriftsteller und der amerikanische Professor. Kann man sich ferner sein? Kann man sich näher sein? Zwei Kinder polnischer Juden, nur dass die Eltern des einen ein paar Jahre vor seiner Geburt nach Kanada auswanderten, die Eltern des anderen - und er selbst - den Lagern nicht entgingen. Gilman nennt "Jakob der Lügner" ein Buch über den Holocaust. Doch die Geschichte des Mannes aus dem Warschauer Ghetto, der vorgibt, ein Radio zu haben, handelt vom Holocaust nur insofern, als sie gerade nicht davon handelt. Sondern von der Hoffnung, auf eine beinahe kindlich-absolute Weise. Das ist das Geheimnis des Buches, und Gilman weiß das. Alles Künstlertum kommt aus der Balance des Direkten und des Indirekten. Aber der Biograf muss das Direkte hinter dem Indirekten sichtbar machen, das Schwere hinter dem Leichten. Und das Schwere am Leben eines Autors ist nun mal das Leben.

Becker hat sich selbst, wie vor ihm schon Hermann Hesse, mit einem Vogel verglichen. Gilman nimmt diese Vogelhaftigkeit sehr ernst. Er sei eben kein "anthologist", sondern ein "bird watcher". Sehr avantgardistische Aussage für einen Professor. Aber man glaubt ihm sofort. Denn er lässt die Hand schwer auf dem Riesenstapel liegen, Vogelkundler veranstalten keine Lesungen. Dafür behalten sie ihre Umgebung genau im Auge - Gilman entgeht keine Regung des Publikums hier an der American Academy -, und nebenbei berichtet er von seinen Beobachtungen, die Literatur betreffend und die Geschichte. Beide gehören zusammen, das ist so eine typische Gilman-Maxime. Darum gehören auch das Judentum, die DDR und Westberlin zusammen. Schon insofern der DDR-Bürger Becker "das größte Werk" schuf über Westberlin, "the city, that no longer exists" - "Liebling Kreuzberg". Denn auch eine Liebe hatten Gilman und Becker gemeinsam, Westberlin.

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