Kultur : "The Best Man": Karneval der hohen Tiere

Jörg von Uthmann

Mud-slinging, das Bewerfen des politischen Gegners mit Dreck, ist gewiss kein amerikanisches Monopol. Doch die Amerikaner sind anerkannte Meister in diesem Sport. Während das Privat- und vor allem das Sexualleben der Politiker auf dem Kontinent tabu ist, kennt die angelsächsische Presse kein größeres Vergnügen, als Abweichungen von der sittlichen Norm aufzudecken. Daher die sonderbare Gewohnheit der Kandidaten, die sich um politische Ämter bewerben, gemeinsam mit ihrer anderen Ehehälfte aufzutreten und durch ostentatives Händchenhalten, neuerdings auch durch minutenlange Küsse den Anschein zu erwecken, dass es daheim zugeht, wie es das sechste Gebot befiehlt.

Kommen bei den Schnüffeleien Fehltritte zu Tage, so muss sich der Geoutete darauf gefasst machen, dass sie sein politisches Programm weit in den Schatten stellen. Nicht immer brechen ihm die Enthüllungen den Hals: Thomas Jefferson wurde zum Präsidenten gewählt, obwohl es der Opposition gelungen war, seine langjährige Liaison mit einer schwarzen Sklavin an die große Glocke zu hängen. Auch Bill Clinton überstand das Amtsenthebungsverfahren, das die Republikaner wegen seiner Seitensprünge eingeleitet hatten. Die Demokraten sind, wenn es ihren Interessen dient, übrigens nicht weniger prüde: Vor neun Jahren versuchten sie, die Wahl des konservativen schwarzen Richters Clarence Thomas zum Supreme Court mit Hilfe einer Zeugin zu verhindern, die behauptete, vom Kandidaten sexually harassed worden zu sein. Doch auch dieser Versuch schlug fehl.

Sicherer ist es natürlich, den Unrat unter den Teppich zu kehren. Die republikanischen Strippenzieher zahlten der Geliebten ihres Präsidentschaftskandidaten Warren Harding eine stattliche Summe, die es ihr erlaubte, während der Wahl- und Amtsperiode Europa zu bereisen. Al Gore gelang es, Clintons Frauenkonsum aus dem Wahlkampf herauszuhalten, indem er seinen Boss betont ignorierte und zum team-mate einen Mann erkor, dessen Moralpredigten sogar die erzrepublikanischen Fernsehpastoren zum Erröten brachten.

Auch Gore Vidal, ein entfernter Verwandter des Vizepräsidenten, bewarb sich zweimal um ein politisches Amt - 1960 in New York für das Repräsentantenhaus, zwei Jahre später in Kalifornien für den Senat. Obwohl die beiden Gores einer alten Politiker-Dynastie entstammen, hatte der Schriftsteller niemals die geringste Chance - nicht nur wegen seiner exzentrischen Ansichten und seiner den Wahlbürger überrumpelnden Brillanz, sondern vor allem wegen seiner homosexuellen Neigungen. Erst 1987, eine Generation später, bekannte sich Barney Frank, ein Abgeordneter aus Massachusetts, zu seiner Vorliebe für das eigene Geschlecht und überstand einen Antrag, ihn aus dem Repräsentantenhaus hinauszuwerfen.

Vidals missglückte Ausflüge in die Politik hatten immerhin ihr Gutes. Sie machten ihn mit den Wahlkampagnen vertraut und mit den Winkelzügen hinter den Kulissen, die der Kandidatenkür vorausgehen. Das Ergebnis war das Theaterstück "The Best Man", neben seinem Romanerstling "The City and the Pillar" und seiner Essay-Sammlung "United States" wohl das gelungenste Fabrikat aus seiner höchst ungleichwertigen Produktion. Der Broadway hat das - vom Autor revidierte - Stück aus gegebenem Anlass ausgegraben, und siehe da: Das Wählervolk erkennt jubelnd wieder, was es soeben noch in der Zeitung las.

Zwar sind die Politiker, nach denen Vidal seine drei Hauptfiguren modellierte, der bedenkenlose Machtmensch Richard Nixon, der allzu feinsinnige Intellektuelle Adlai Stevenson und der volksnahe Pragmatiker Harry Truman, längst tot, aber die Typen, die sie verkörpern, leben in allen möglichen Varianten fort. Ort ist Philadelphia, Zeit ein Parteikongress. Der Nixon-Vetter, Senator Cantwell (Chris Noth), hat sich die medizinischen Unterlagen seines Nebenbuhlers, des weltmännischen Außenministers Russell (Spalding Gray), beschafft und versucht ihn mit der Drohung, einen früheren Nervenzusammenbruch zu offenbaren, zur Rücknahme seiner Kandidatur zu bewegen.

Rechtzeitig taucht ein schmieriger Zeuge auf, der in der schimmernden Wehr des Moralapostels Cantwell einen homosexuellen Spalt entdeckt haben will. Doch Russell lehnt es ab, auf diese Ebene hinunterzusteigen: Er verzichtet zu Gunsten des dritten, farblosen Kandidaten Merwin, der damit das Rennen macht. "But Merwin is nobody!" hält ihm der entgeisterte Cantwell entgegen. "Well, now he is somebody."

Glücklicherweise hat Vidal diesmal seine Neigung zur Karikatur gezügelt und auch der Versuchung widerstanden, seine Figuren als Sprachrohre abstrakter Thesen zu missbrauchen. Er hat ein gutes Dutzend lebensechter Charaktere auf die Bühne gestellt, die Gattinnen der beiden Kandidaten inbegriffen. Wenn Sue-Ellen Garmadge (Elizabeth Ashley), die Anführerin der Frauendelegation, Mrs. Russell zu ihrem Verzicht auf Make-up beglückwünscht ("Die Frauen werden dann nicht eifersüchtig"), wiehert das Parkett. Auch wenn sich Altpräsident Hockstader (Charles Durning) über die Politiker und die Frauen verbreitet ("Ich bin auf dem Land groß geworden, und das Verhalten des Hahns ist mir nicht ganz verborgen geblieben"), schlägt ihm eine Welle der Zustimmung entgegen. Wie John Simon, der Kritiker des "New York Magazine", zutreffend feststellte: "Der Karneval ändert sich nie, weder in Rio noch in Philadelphia noch in Washington."

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