Kultur : The Big Blue

Poetisch oder pathetisch? Bill Violas Video-Installation „Five Angels for the Millennium“ in Oberhausen

Christina Tilmann

Es ist ein richtiges Millenniumsprojekt, ein Überbleibsel aus Zeiten, in denen andernorts Riesenräder, schwankende Brücken und Millennium-Dome geplant wurden, die ihren Zweck, riesige Zuschauerzahlen anzuziehen, nie erreichten. Die Installation „Five Angels for the Millennium“ des amerikanischen Videokünstlers Bill Viola, die die Ruhrtriennale nun in den Gasometer im Ruhrgebiet geholt hat, ist in ähnlichem Sinne megaloman: Sie sprengt – in einem der größten und eindrucksvollsten Industriedenkmäler Deutschlands – technisch, inhaltlich und von ihrer schieren Größe her alles bislang Gesehene – und zwingt den Besucher visuell in die Knie.

Er soll, als er den gigantischen Raum des 1929 erbauten Gasometers gesehen hat, so überwältigt gewesen sein, dass er sofort zugestimmt habe, seine Millenniums-Installation hier zu zeigen, erzählt Festivalchef Gerard Mortier über seine erste Begegnung mit Bill Viola. Und dieser, entspannt im Pullover auf dem Podium, liefert die Begründung gleich nach: Woher komme es, dass ein profaner Industriebau wie der Oberhausener Gasometer, ein Bau, der mit Schwerindustrie und Luftverschmutzung verbunden sei, in ihm ähnliche Gefühle wecke wie der Kölner Dom, der Petersdom oder die Kathedrale von Durham (für die Viola im übrigen auch gearbeitet hat)? Es handle sich, so Viola, um einen sakralen Raum, erfüllt mit Spiritualität wie die großen Kirchen christlicher Religion.

Betritt man den über 100 Meter hohen zylindrischen Raum, versteht man, was er meint. Wie in den Kathedralen von Chartres und Notre-Dame erscheint der Raum zunächst sehr dunkel, die Orientierung fällt schwer. Erst nach und nach gewöhnt sich das Auge an die Dunkelheit – und entdeckt fünf gigantische Videoschirme, die immer stärker zu leuchten beginnen, wie Fenster einer gotischen Kathedrale. Noch ruht das Bild, doch nach und nach kommt Bewegung in die Schirme: In einem Wirbel von Farben und Licht bricht ein menschlicher Körper durch eine Wasseroberfläche, steigt auf und wieder ab, bis sich das aufgewühlte Wasser wieder beruhigt. Die Art, wie der Körper durchs Wasser pflügt, hat etwas Gewalttätiges, auch die Strudel und Wirbel erinnern an viel, auch an den Einschlag von Bomben. Doch der Wechsel zwischen Stille und Lärm, Aufruhr und Beruhigung ist gut choreographiert: Hört das Auge einmal auf, hektisch zwischen den auf unterschiedlicher Höhe gehängten fünf Leinwänden hin und herzuhuschen, leitet das Ohr von selbst. Nur den schönsten Strahl der Erkenntnis, das sonst von oben in den Gasometer einfallende Sonnenlicht, verwehrt Viola uns.

Vielleicht hätte der sinnliche Eindruck dieser multimedialen Unterwasserwelt genügt – doch Viola will mehr. „Departing Angel“, „Birth Angel“, „Fire Angel“, „Ascending Angel“ und „Creation Angel“ hat er die Arbeiten genannt, ohne dass man klar zuordnen könnte, wer was wäre: Alle kommen und gehen, steigen auf und ab, die „Engel des Millenniums“. Es sind Figuren, die Viola als Mittler zwischen Himmel und Erde herbeigerufen hat – zur Rettung dieser Welt. „Wir leben in einer unstabilen Zeit“, so der Künstler, der sich fast verlegen für die „amerikanische“ Großartigkeit seiner Arbeit entschuldigt: Und in solchen Zeiten seien humanistische und spirituelle Verbindungen mehr denn je gefragt. Kurz: „Wir brauchen Engel.“

Und hier beginnt das Problem. Die Arbeit ist bombastisch, aufgeladen mit einer Vielzahl christlicher, spiritueller, esoterischer Verweise, sie ist poetisch – und hemmungslos pathetisch. Man ist versucht, das Wort „Kitsch“ zu wählen, um die Überwältiungskunst zu beschreiben, mit der Viola uns beballert. Alles ist angesprochen: das Wasser, die Geburt, die Taufe, das Feuer, der Tod. Das Auftauchen des ersten Menschen und seine Kreuzigung. Der Kreislauf von Werden und Vergehen. Sterne am Firmament, Stufen der Himmelsleiter. Wie orphische Urworte behaupten Violas Bilder eine Antwort auf Fragen, die niemand stellt. Wenn das Problem unserer Zeit ist, dass ihr der Glaube an Engel fehlt, nützt es nichts, ihr solche vorzusetzen.

Die leichte Les- und Deutbarkeit, die Viola so populär gemacht hat wie sonst keinen Videokünstler, ist gleichzeitig seine Gefahr – umso mehr, je größer, je opulenter die Arbeiten werden. „Five Angels for the Millennium“, 2001 erstmals in der Londoner Galerie Anthony d’Offay gezeigt und unlängst von der Londoner Tate Modern, dem Centre Pompidou in Paris und dem New Yorker Whitney Museum in einer Gemeinschaftsanstrengung für sensationelle 700000 Dollar angekauft, bedeutet auch in dieser Hinsicht einen Höhepunkt.

Und doch tut man dem Künstler vielleicht unrecht: Die Entwicklung in Richtung Spiritualität ist von Anbeginn zu verfolgen – und sie ist kunsthistorisch stets gut abgesichert. An Bilder Rogier van der Weydens oder Jan van Eycks, hat Viola immer wieder erinnert, am stärksten in „The Passions“, die das mittelalterliche Vokabular an (Schmerzens-)Gesten übernehmen. Und das Thema Wasser und Feuer, das Motiv des durchs Wasser tauchenden Körpers, hat Viola schon in seinen frühen Arbeiten verwendet: Vom noch sehr naturalistischen „Reflecting Pool“ von 1977 über die zentrale Bildtafel des „Nantes Triptychons“ 1992, die fünf Schwimmer in „Stations“ 1994, dem treibenden „Messenger“ von 1996 bis hin zur finalen Feuergeburt in der – im vergangenen Jahr in der Deutschen Guggenheim Berlin erstmals gezeigten – letzten Arbeit „Going Forth By Day“.

Die wahre Konkurrenz jedoch ist eine andrere: Der gigantische Raum des Gasometers fordert eine Selbstbehauptung der Kunst geradezu heraus. Sie muss laut rufen, um nicht ungehört zu bleiben. Im Jahr 1999 hatte Christo den Gasometer mit einer Mauer aus bunten Fässern gefüllt – eine kongeniale Reaktion auf das Thema Industrie und gleichzeitig eine überwältigend fröhliche Raumnutzung. Viola hat den gegensätzlichen Weg gewählt, hat den Raum ganz mit Licht und Tönen gefüllt und seinen Festivalchef damit zum Schwärmen gebracht: Es handele sich um „einen der großen Momente der bildenden Kunst“, so Mortier, und scheut sich nicht, den Vergleich zu Kunstwerken wie dem Lamm Gottes von Jan und Hubert van Eyck in Gent zu ziehen. Das liegt, Violas Affinität zu mittelalterlicher Kunst im Blick, nahe – und enthüllt doch gleichzeitig den Punkt, an dem seine Videokunst versagt: Das Wunder des Genter Altar bestand darin, bei aller Monumentalität den einzelnen Grashalm, die Blume, das Haar nicht aus den Augen zu verlieren. Gegen diese Leidenschaft fürs Diesseitige wirken Violas universale Bildwirbel dann leider doch verwässernd.

Gasometer Oberhausen, bis 5. Oktober, 10-20 Uhr, freitags bis 22 Uhr. Katalog 19 €.

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