Kultur : "The Boondock Saints": Anleitung zum Foltern

Frank Noack

Er ist FBI-Agent, und er ist schwul. Mit einer Figur wie ihm könnte man eine erbitterte Anklage gegen Homophobie am Arbeitsplatz führen und für mehr Menschlichkeit in einem harten Männerberuf plädieren. Aber Agent Paul Smecker (Willem Dafoe) erwartet kein Mitleid, und er hat auch keine Probleme am Arbeitsplatz. Ganz im Gegenteil, er lehrt seine heterosexuellen Kollegen das Fürchten. Wenn er an einem Tatort erscheint und die herumliegenden Leichen inspiziert, tanzt und singt er, angefeuert durch Opernarien, die aus seinem Walkman dröhnen. Smecker kann es sich erlauben, unter all den FBI-Machos tuntig aufzutreten, denn er ist ein Meister seines Fachs.

Die Fähigkeit von Willem Dafoe, völlig überdrehte Figuren zu spielen, ohne dabei dem Publikum auf die Nerven zu gehen, beeindruckt in "The Boondock Saints" aufs Neue. Ansonsten gibt es wenig, was diesen ebenso knallhart wie lustig gemeinten Film von anderen "Pulp Fiction"-Imitationen abhebt. Es wird massenhaft getötet, und die Art und Weise des Tötens soll für Lacher sorgen. Die beiden Killer, denen Smecker nachspürt, sind ein irisch-katholisches Zwillingspaar, Connor und Murphy McManus (Sean Patrick Flanery und Norman Reedus). Sie gehen regelmäßig beten und erledigen die Unterwelt von Boston. Die Bevölkerung ist auf ihrer Seite, weil Connor und Murphy für Ordnung sorgen. Auch Paul Smecker deckt sie, obwohl er sie verhaften müsste, denn er findet die beiden Killer höchst begehrenswert. Dass er nie zum Zuge kommt, ist charakteristisch für einen scheinbar gewagten Film, der sich tatsächlich vor ernsthaften Tabuverletzungen drückt.

Warum, fragt man sich irgendwann, hat ein so frecher, unverschämter, extrovertierter Mann wie Smecker kein Sexualleben? "The Boondock Saints" ist ein erzkonservativer Film, der Gewalt zelebriert und Sex ausklammert. Wobei sich die sexuelle Abstinenz der beiden Killer sich wohl nur durch ihre Religiosität erklären lässt. Aber wenn ein Massaker in einer Peep-Show veranstaltet und dabei der Pornostar Ron Jeremy getötet wird, sieht das arg nach einer militanten PorNo-Kampagne aus. Die einzigen visuellen Reize des Films sind die Tötungsszenen. Einem russischen Geldeintreiber etwa wird das Gesäß verbrannt; später wird er mit einer Kloschüssel erschlagen. Vertreter der Berliner Unterwelt bekommen hier genügend Anleitung zum Foltern. Regisseur Duffy will in "The Boondock Saints" seinen Hass auf die Gesellschaft verarbeitet haben. Seinen Hass - oder nur die emotional unreife Freude an herumspritzenden Innereien?

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