"The Cast" in der Bar jeder Vernunft : Arien zum Mitschmettern

Mitsingen ausdrücklich erlaubt: "The Cast" präsentieren populäre Partien der Klassik in einer Mischung aus Oper und Pop.

Julia Müller
"Oper macht Spaß" - finden zumindest die sechs Mitglieder von "The Cast".
"Oper macht Spaß" - finden zumindest die sechs Mitglieder von "The Cast".Foto: The Cast

Regellosigkeit und Oper sind wohl zwei Begriffe, die nicht so recht zusammenpassen wollen. Beim Besuch jeder Aufführung gibt es strenge Benimmregeln, die zu beachten sind: Flüstern, seufzen, mit der Taschentuchpackung knistern – schon erntet man böse Blicke. Ganz zu schweigen von dem Impuls, sich einfach mitreißen zu lassen und lauthals die Arie mitzusingen- auch diesem Drang sollte man unbedingt Einhalt gebieten. Ebenso schwierig wie auch sensibel: Das Thema Applaus. Dem Sänger durch frenetischen Beifall zeigen „Toll gemacht, das hat mir gefallen“, sollte man sich auch besser verkneifen. Nicht so in der Show „The Cast – die Opernband“. All diese strengen Sitten werden hier außer Kraft gesetzt: „Wir machen die Regeln“, erklärt Bariton Till Bleckwedel gleich zu Beginn. Das Publikum soll bitteschön klatschen, dazwischen rufen und – aber ja – auch mitsingen, wenn ihm danach ist, sogar bei den Arien. So mischen sich am Donnerstagabend bei der Premiere in der Berliner Bar jeder Vernunft immer wieder zaghaft ein paar schiefe Töne unter die fehlerlosen der klassisch ausgebildeten Sänger und Sängerinnen.

Angst um das Spiegelzelt der Bar jeder Vernunft


Die von einem Pianisten begleiteten drei Frauen und drei Männer erinnern tatsächlich mehr an eine Popband, als an traditionelle Vokalartisten aus Oper und Operette. Sie geben sich locker, erklären dem Publikum, warum ihr Herz für die Klassik schlägt, singen gemeinsam und solo – alles ohne steifen und formellen Rahmen, der der Oper oft noch anhaftet. „Dein ist mein ganzes Herz” aus Franz Lehárs Operette „Das Land des Lächelns“ ist inszeniert wie ein Song auf einer Tour der Backstreet Boys zu ihren besten Zeiten. Ausdrucksstarke die Arme langsam vom Körper wegbewegende Boyband-Choreografien gehören bei Guillermo Valdes, Campbell Vertesi und Till Bleckwedel mit dazu. Carrie-Anne Winter, Bryn Vertesi und Anne Byrne teilen sich eine kokette Version von Lehárs Lied der Giuditta „Meine Lippen, sie küssen so heiß“. Und richtig romantisch-theatralisch wird es bei dem neapolitanischen Gassenhauer „O sole mio“. Aber auch weniger bekannte Stücke wie „Ich bin der Tod“ aus Viktor Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“ stehen auf dem Programm. Stimmt Tenor Guillermo Valdes die Arie „Nessun dorma” von Puccini an, hat man fast Angst um das Spiegelzelt der Bar jeder Vernunft, so mächtig schwillt seine Stimme an. Das Publikum ist derart begeistert, dass es hineinzuapplaudieren beginnt. Sollten sie ja schließlich auch. Das mischt sich dann aber so in den Gesang, dass der nicht mehr richtig zu hören ist.

Konzept für nicht Klassik-affine Menschen

Trotzdem: Die Art, wie die Opernband populäre Partien aus Opern und Operette wie „Va pensiero“ aus „Nabucco“ oder „Brindisi“ aus Verdis „La Traviata“ interpretiert, ist charmant und zeitgemäß. So wie Mozarts Duett „La ci darem“ aus „Don Giovanni“. Darin geht es um die Verführung der Braut an ihrem Hochzeitstag. „The Cast“ macht daraus einen witzigen gesanglichen Wettstreit zwischen dem Bass Campbell Vertesi und dem Bariton Till Bleckwedel. Das ist ganz sicher ein Konzept, dass auch nicht Klassik-affine Menschen für die Oper begeistern kann. Aber offensichtlich auch deren Freunde, denn nicht wenige Mitsinger sind erstaunlich textsicher. Und dass einzelne Nummern eine Spur zu sehr auf „locker“ getrimmt sind, lässt sich verschmerzen. Nur ist durch die Wucht der Stimmen und die räumliche Nähe ein wenig Ohrensausen vorprogrammiert.

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