Kultur : "The Cell": Das Ich ist immer woanders

Georg Seesslen

Nimmt man ein paar unserer Medienträume der letzten Zeit zusammen, die Big Brother-Phantasie von der vollständigen Teilhabe an anderer Leute "Privatleben", die endlosen Bewegungen durch ineinandergeschachtelte virtuelle Realitäten der "Matrix" oder anderer kannibalischer Maschinen, von denen aus "das Wirkliche" ungefähr so unerreichbar scheint wie einst der Himmel, das Leben als Soap Opera und die Soap Opera als Leben wie in "EdTV", und den Traum, in einem fremden Kopf zu denken (zum Beispiel in dem von John Malkovich), so ergibt sich wohl ein psychohistorisches Projekt, das sich Philip K. Dick vor dreißig Jahren nicht besser hätte ausdenken können: Die Auflösung des Ich als Zentralinstanz des bewussten Lebens.

Das kann man natürlich, wie meistens, auch andersherum sehen: Nachdem das Kino die Errettung der äußeren Wirklichkeit aufgegeben (oder nicht für wert befunden) hat, versucht es uns Geschichten zu erzählen, in denen es um die Gefährdungen dieses guten alten Ich geht, und um Strategien zu seiner Rettung, schon aus moralischen Gründen. Eines ist uns in allen diesen Phantasien klar: Es ist die technologische Rationalität, die uns in den Schlamassel hineingebracht hat, und es kann nur etwas, so oder so, Religiöses sein, was uns wieder herausbringt. Und dabei reichen nicht mehr Heldin oder Held aus, es müssen schon Auserwählte - Jesus und Maria, Shiva und Buddha - sein. Im Cyberspace sieht es aus wie in einem afrikanischen Mami-Wata-Altar, Industrie- und Konsummüll wird zum phantastischen Religionssampling benutzt. Und das kann sehr schön sein.

Der neueste Reise-in-den-Kopf-eines-anderen-Film heißt "The Cell", stammt von dem indischstämmigen Regisseur Tarsem Singh und gehört, was seine Bilder betrifft, zu den besseren Mami-Wata-Altären des Kinos. "The Cell" ist Psychothriller mit Cyber-Horror, einerseits. Und andrerseits erzählt der Film die Geschichte einer Transkulturation, erzählt er vom Kampf verschiedener Märchen- und Geisterwelten, davon, wie sich die Bilder des Elends nach innen ablagern, und nach Art eines schönen Mami Wata-Altars gibt es am Ende ein Bild, das alles Widersprüchliche und Auseinanderstrebende zusammenfasst. Und wie die meisten religiösen Filme der letzten Zeit erklärt auch "The Cell", dass das von keiner Vater- und von keiner Sohn-Religion zustande gebracht werden kann.

Die Story zu diesem Film geht in Richtung Psychothriller mit mehr als einem Hauch von "Das Schweigen der Lämmer": Der sehr kopfkranke Serienkiller Carl Stargher quält seine Opfer, junge Frauen, in einem versteckten Tank irgendwo in der Wüste. Als ihn der FBI-Agent Novak aufgespürt hat, fällt er ins Koma, ohne dass man erfahren hätte, wo er sein letztes Opfer verborgen hat. Viel Zeit bleibt natürlich nicht mehr. So beschließt die Therapeutin Catherine Deane, die mit sehr neuen Methoden des psychischen Austauschs arbeitet - nennen wir es einen "Neuro-Transmitter", sich selbst, ihr Traum-Ich in die Innenwelt des kranken Mannes zu begeben. Dort, in den schrecklich kaputten Labyrinthwelten, begegnet sie dem Mörder zweimal, als gewalttätigem, den eigenen wie den fremden Schmerz genießenden Dämon und allmächtigen Herrscher der höllischen Phantasiewelt (das Ich, das sich zum Über-Ich aufgeschwungen hat), und als das verängstigte Kind Carl, das darin herumirrt (wo Es ist will Ich werden, und kann es nicht). Das Geheimnis erfahren, den Dämon bezwingen und das Kind erlösen - eine Aufgabe für Jennifer Lopez, die auch für sie das Überschreiten der Ich-Konstruktion erfordert. Die Analyse im Cyber-Zeitalter ist eine besondere Form des Surfens, und natürlich führen die eleganten Kurven in den Kopf der Surfer zurück. Die Innenwelten stürzen ineinander, da schafft so leicht niemand mehr Ordnung, und Ich ist immer gerade woanders.

Ein Schritt des Kinos in wirklich unbekannte Räume. Dorthin, wo alle Gedanken, noch ungeboren, nur Bilder sind. Aber getrauen wir uns wirklich dorthin?

Man wollte, so betont Drehbuchautor Mark Protosevich, einen entscheidenden Schritt über die Identifikationsdramen in den Serienkiller-Filmen hinausgehen. Dieser Schritt über "Das Schweigen der Lämmer" hinaus aber erweist sich, was die Regeln und die Wirkungen des Genres anbelangt, als einer daneben. Was immer wir in Carl Starghers Kopf erleben, es kommt an Schrecken nicht im mindesten an einen Blick in die kalten Augen von Hannibal Lecter heran. "The Cell" ist ganz nebenbei auch noch ein Film über Latin Queen Lopez, die nach den psychologischen Regeln des Genres eigentlich nichts als eine grandiose Fehlbesetzung sein könnte. Jennifer Lopez ist keine Schauspielerin. Sie ist ein Pop-Star und zwar so ziemlich das rücksichtsloseste Kunstprodukt seit Madonna, die freilich bei jeder Gelegenheit betont, sie sei eine "echte Latina". Und Oliver Stone (bei dem sie in "U-Turn" spielte) nannte sie eine "echte Macho-Schönheit".

Wenn man diesen Film also eher profan ansieht, in der christlich-hinduistischen Bildwelt ebenso wie in der Cyber-Post-Psychologie des besagten Transmitters nur eine Folie entdecken will, dann steckt die Lösung, die Heilung, die Gnade darin, dass die Heldin in einem fremden und kranken Kopf solange Role Models ausprobiert, bis sie das Richtige gefunden hat. Aber behaupten wir nun nicht, "The Cell" sei in Wahrheit ein kritischer Essay über das Funktionieren der Pop-Kultur. Es ist im Gegenteil ein Stück Pop, das so naiv mit Kultur- und Mythentrümmern gefüllt wird, dass es einem ganz warm ums Herz werden könnte, wenn nicht gleichzeitig immer auch das Formelhafte der ganzen Unternehmung mitgefilmt würde. Dass der Film hinten und vorne nicht funktioniert, das macht ihn sympathisch. Wie Madonna, die ja auch im Vergleich zu, sagen wir, Marlene Dietrich, nicht wirklich funktioniert.

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