The Chills im Lido : Gänsehautsongs

Seit 1987 waren sie hierzulande nicht mehr zu hören. Doch der Schrammel-Gitarrensound funktioniert noch - wie die neuseeländische Band The Chills jetzt im Lido demonstriert hat.

Volker Lüke
The Chills
The ChillsFoto: Promo/Alexander Hallag

Manche Menschen gehen verloren und manche, die man verloren geglaubt hat, tauchen plötzlich wieder auf. So wie Martin Phillipps, der Anführer, Gitarrist und Sänger von The Chills, die in den 80er Jahren zum „Kiwi“-Rock-Movement gehörten. Das sorgte damals für Furore und war eng mit dem Label Flying Nun Records aus Dunedin verbunden, auf dem so viele neuseeländische Bands erschienen sind, dass man glauben könnte, die Insel würde nur aus Schafen und Musikern bestehen.

Beim ersten und einzigen Deutschlandkonzert seit 1987 im Lido tarnt sich Phillips als gut gelaunter Entertainer, der daran erinnert, dass das Leben nach tragischen Ereignissen, Enttäuschungen und Pleiten doch gut garniert weitergehen kann. Zusammen mit seinen vier Mitstreiterinnen an Keyboard, Bass, Schlagzeug und Violine entwickeln die Chills von Anfang an eine schwebend schwärmerische Atmosphäre. Der kribbelige Schrammel-Gitarrensound zeichnet sich noch immer durch eine subtile Melancholie und spielerische Dramatik aus. Die Songs klingen manchmal windschief oder sanft entrückt, aber keineswegs zerbrechlich, dann wieder lospolternd, mit kurz angebundenen Gitarrensoli und lang gezogenen „Uuuhs“ und „Aaahs“, schwungvoll angetrieben vom Beat des Drummers.

Ein schillernder Pop-Fluss, der zittert, schwitzt und schmilzt, sich vor Punkrock verbeugt und Lärm nur kennt als kontrolliertes Element einer klaren Komposition. Stromschnellen gibt es keine, deswegen: eintauchen und mittreiben lassen. Mit den Harmonien, Schunkelmelodien und Jingle-Jangle-Gitarren, die nach englischen Sixties und dem Sound der C-86-Generation klingen. Die neuen Songs fügen sich nahtlos ein, Höhepunkte sind aber die alten Klassiker „Pink Frost“, „Heavenly Pop Hit“, „I Love My Leather Jacket“ und „Rolling Moon“ als letzte Zugabe – eine Musik, die auch nach 30 Jahren nicht nur zum Wunderbarsten gehört, was unter der Bezeichnung Pop vorgeführt werden kann, sondern auch daran erinnert, wie es sich anfühlt, bei einem Song eine Gänsehaut zu bekommen. Schön zu hören, dass es das noch gibt und sich rührt, wenn man es braucht.



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