Kultur : "The Fine Art Resource": Den Blues malen

Ronald Berg

Ein dampfender Essensstand, eine Rikscha oder ein Teestand, alles eingehüllt in wallende Autoabgase und wehende Schwaden, dazu etwas starr dreinblickende Männer mit ungeheuer qualmenden Zigaretten, das Ganze spärlich beleuchtet und inszeniert wie für einem Kinofilm, der mit viel künstlich erzeugtem Rauch in dunklen Straßen Atmosphäre schaffen will. Aber: "Das ist Indien", sagen Bernhard Steinrücke und seine Frau Ranjana, geborene Mirchandani, über die Gemälde von Radha Binod Sharma. Das Paar hatte maßgeblichen Anteil am Aufbau der "Indian Collection" der Deutschen Bank in Bombay, einer repräsentativen Auswahl von deutschen und indischen Künstlern der letzten zwei Dekaden: Bernhard A. Steinrücke als ehemaliger Leiter der Bankniederlassung in Bombay, Ranjana Steinrücke als Angestellte von "The Fine Art Resource", die in Bombay vor allem auf Kunsthandel und Consulting spezialisiert ist. Nach ihrer Heirat zogen sie nach Berlin und Ranjana Steinrücke eröffnete Ende 1997 mit einer Dependance der "Fine Art Resource" die erste Galerie für indische Kunst in Berlin. Die zeitgenössische Kunst des Subkontinents ist in deutschen Gefilden weitgehend unbekannt. Mit der Hilfe von Ranjana Steinrücke könnte sich das ändern: "Indiens Kunst schickt sich an international zu werden", erklärt sie dem Besucher. Der Kunstmarkt globalisiert sich und Inder könnten bald als Künstler genauso beliebt werden wie als Computerexperten.

Zum Beispiel Radha Binod Sharma, obwohl als Maler nicht unbedingt typisch für die indische Kunst der jungen Generation. "In Indien geht heute alles", weiß Ranjana Steinrücke. Sharma, 1964 in Tripura in Nordostindien geboren, und in den mehr westlich orientierten Kunsthochschulen von Santiniketan (bei Kalkutta) und Baroda im Nordwesten Indiens ausgebildet, lebt inzwischen in London. Zwei Stipendien brachten ihn nach Großbritannien. Obwohl es in den Millionenstädten Indiens durchaus talentierte Künstler gibt, sind kommerzielle Galerien eher selten. Die Ausnahmen sind Bombay und Delhi, die auch große öffentliche Sammlungen zur zeitgenössischen Kunst beherbergen.

Sharma malt in seinem jetzigen Wohnsitz in England nicht viel anders als in Indien. Immer wiederkehrendes Thema ist der Alltag, stimmungsvoll in Szene gesetzt durch die dumpf glühenden Farben in Sharmas Bildern, egal ob es sich um die Straßen von Ahmedabad in Nordwestindien oder um ein Badezimmer irgendwo in London handelt ("Kya Bath Hai" 9500 Mark). Auch der exzessive Konsum von Zigaretten bei seinen Bildprotagonisten ist geblieben: Ohne Qualm, Rauch oder Dampf scheint die für Sharma so typisch verschleierte Atmosphäre nicht zu bewerkstelligen.

Sharmas Malweise erinnert stark an die zwanziger Jahre, an magischen Realismus und Neue Sachlichkeit, jedenfalls was die Zeichnung anbetrifft, wobei vom minuziös eingesetzten Haarpinsel bis zur dreidimensionalen Aufschichtung der Acrylfarbe alle Register vertreten sind.

Oft stellt Sharma sich auf seinen Bildern selber dar, Freunde kommen ins Bild und bei seinen indischen Motiven sind es die Motorrikschas oder einfach nur die Speisen der Stände: Fladenbrot, Gemüse und Gewürze und die Pfanne über dem Kerosinkocher, hat Sharma zu einer Serie von sechs Stilleben auf Papier zusammengefasst (9000 Mark). Es ist der Alltag in Ahmedabad, nicht nur mit den Augen gesehen, sondern ebenso mit der Seele empfunden.

Das Kolorit seiner Gemälde weicht deshalb des öfteren von der realen Farbe ab, die Wärme des Klimas teilt sich mit in intensivem Orange und Rot, manches Gesicht glüht auf im Blau einer Gefühlswelt. Es ist ein blue, wie es sich im Blues bemerkbar macht. Seinen meist starr und schwermütig vor sich hin blickenden Figuren ist die Härte von Leben und Arbeit anzusehen; beim Chaiwalla, der auf der Straße den Tee ausschenkt, genauso wie bei seinen Kunden. Auch bei den Londoner Bildern gibt es diese dunkle Stimmung, nur scheint sie hier mehr aus Ennui oder Langeweile zu rühren, verstärkt durch das Haschisch, das man in Rauch aufgehen sieht ("Four Friends" 13 000 Mark). Durch Shramas altmodisch anmutende Malweise erscheinen die englischen Verhältnisse noch einmal melancholisch umflort wie zu Zeiten, als eine Tasse Tee dem tristen Alltag von Zeit zu Zeit Einhalt gebot.

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