Kultur : "The Gift": Das Oma-Orakel

Kerstin Decker

Geisterseher sind die besseren Menschen. Diese These beweist nicht ohne Raffinesse "The Gift". Man zuckt zusammen vor unheilvoll schlagenden Türen, blickt mit Grausen nachts in die uralten Eichen von Savannah und fühlt sich wie die leibhaftige Nachhut der Aufklärung. Auch eine Art Gespenst - Eichen hin, Eichen her. Unser Sinn für Logik ist verletzt. Wir sind gekränkt. Hätte vor der Frage, wie gütig Geisterseher sind, nicht erst jene fast so bedeutsame geklärt werden müssen, ob es Geister gibt? Denn "The Gift" ist trotz Eichen und Türen kein Spukmärchen, sondern ein hochmoralischer Film: "Wer den Wind sät" für Esoteriker.

Immanuel Kant las noch mit großem Interesse Swedenborgs "Träume eines Geistersehers" und übte hernach sanfte Kritik. Kant ist tot, Swedenborg lebt. Drehbuchautor Tom Epperson bekennt: "Die Natur des Lebens ist nicht materiell, sondern spirituell. Wir sind nicht hier auf der Erde, um Macht und Reichtum nachzujagen, sondern um unsere Seelen wachsen zu lassen." Ungewiss ist, ob Tom Epperson diese Stellungnahme mit den amerikanischen Unternehmerverbänden abgesprochen hat.

Annie, die Hellseherin, sieht hell allein für die Menschlichkeit. Nie hätte sie gedacht, ihre "übernatürlichen Fähigkeiten" für Geld zu gebrauchen, aber als bei einem Betriebsunfall ihr Mann stirbt (sie hatte ihn an jenem verhängnisvollen Morgen noch hindern wollen, arbeiten zu gehen!), ist sie plötzlich mit den Kindern allein. Annie macht das Kartenlegen zum Verdienst. Annie wird gespielt von Cate Blanchett, als Königin "Elisabeth II." noch sehr in Erinnerung. Blanchett sagt, sie habe in Vorbereitung auf die Rolle viele "Hellseher oder Medien" besucht: "Es war eine unglaubliche Erfahrung. Die meisten Hellseher, mit denen ich mich unterhielt, empfinden ihre Fähigkeit als Gabe, die sie anderen Menschen zurückgeben wollen." Die Einsicht ins Übernatürliche nimmt auch Annie Wilson als Verpflichtung - eine Mischung aus Hellseherin und Sozialarbeiterin. Wir erinnern uns, auch die Mutter des vormaligen BDI-Präsidenten Hans-Olaf Henkel wurde zwischenzeitlich Hellseherin. Sie empfing vom hauseigenen Tassenorakel Botschaften wie "Die Liebe ist das größte". Oder (nach einem Keksdiebstahl des künftigen BDI-Präsidenten): "Ich sehe einen blonden Jungen."

Das Orakelwesen hat inzwischen bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Annie hilft der von ihrem brutalen Freund (Keanu Reaves) misshandelten Freundin, indem sie ihr die Karten legt und rät, von zu Hause wegzugehen. Außerdem sind Hellseher die klar überlegenen Psycholanalytiker. Vor allem aber eignen sich übernatürliche Fähigkeiten zur Aufklärung sonst gänzlich unaufklärbarer Kriminalfälle. (Wieso eigentlich Hellseher? Hellseher sind professionelle Schwarzseher. Vorwärtsgewandte Archivare.)

Alsdann: Bei einer Aussprache mit dem örtlichen Schuldirektor sieht Annie einen Bleistift vom Tisch rollen und daneben die blau angelaufenen Beine einer Wasserleiche. Dann erscheint ihr die Großmutter: Ein Sturm braut sich zusammen, sagt die Großmutter zu Annie, es könne ihr gar nichts passieren, wenn sie sich nur auf ihre Instinkte verlasse. - Alles geschieht genau, wie die Großmutter gesagt hat. Die Wasserleiche wird wirklich gefunden.

"Sie hat es gesehen." - Dieser Satz hat nun plötzlich eine gänzlich andere Bedeutung. Wir erfahren, wie Menschen leiden, die mehr sehen als andere. So gesehen, ist "The Gift" nicht einmal ungeschickt gemacht (Regie: Sam Raimi). Dennoch: Die Verdinglichung des Transzendenten fällt zurück ans Triviale. Das natürlich-übernatürliche Wesen, das wir sind, ist entzaubert.

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