Kultur : The Lady in Pink (Kommentar)

Jörg Von Uthmann

Der fruchtbarste Autor der Weltliteratur war sie nicht. Das war der spanische Dramatiker Lope de Vega, der mehr als 2000 Theaterstücke schrieb. Aber immerhin brachte es Barbara Cartland, die am Sonntag im Alter von 98 Jahren starb, auf 723 Titel, die in 36 Sprachen über die ganze Welt verbreitet sind. Damit liegt sie deutlich vor den 400 Krimis, die Georges Simenon hinterließ, und erst recht vor dem dürftigen Ausstoß (gut 200 Liebesromane) ihrer deutschen Kollegin Hedwig Courths-Mahler.

In seinem "großen Bestiarium der Literatur" nannte Franz Blei die Courths-Mahler "eine Laus, die in der Sekunde eine Million Eier legt." Auch Barbara Cartland produzierte ihre Romane mit atemberaubender Geschwindigkeit. Das Rezept war immer das gleiche: Unberührtes Mädchen trifft adligen Herzensbrecher, der sie nach mancherlei Verwicklungen als virgo intacta zum Traualtar führt. Auf die Jungfräulichkeit kam es Barbara Cartland ganz besonders an. Mit dem allgegenwärtigen Sex in Film und Fernsehen wollte sie nichts zu tun haben. Als die Pille in den sechziger Jahren das Verhältnis der Geschlechter revolutionierte, warnte sie in einem Pamphlet die Frauen davor, ihre neugewonnene Freiheit zu missbrauchen. Es war eines ihrer weniger erfolgreichen Bücher.

Sie selbst, gestand sie vor einigen Jahren, hätte gern einen Herzog geheiratet. Dieser Wunsch blieb unerfüllt. Doch sonst glich ihr Leben in vielem ihren Romanen. Sie wurde geadelt, und ihre Tochter Raine heiratete in zweiter Ehe Earl Spencer, den Vater der "Volksprinzessin" Diana. Das Verhältnis der Spencer-Kinder zur neuen Stiefmutter war allerdings nicht gut. Barbara Cartland sah sich zu ihrem größten Bedauern von der Hochzeit Dianas mit dem Prinzen von Wales ausgeschlossen. Trotz dieser Spannungen nahm sie im Bewußtsein des sentimentalen Teils der Öffentlichkeit eine ähnliche Stellung ein wie die Königinmutter. In beiden Fällen verbarg sich unter dem äußeren Schein einer liebenswerten, etwas zerstreuten Lady ein stählerner Wille und eine zähe Energie. Was die beiden unterschied, war ihr Sinn für Farben: Dame Barbara war stets von Kopf bis Fuß auf Rosa eingestellt.

"Ohne einen Tropfen Kitsch geht es in keiner Kunst ab", schrieb Hermann Broch. "Es genügt, dass der Kaiser Franz Joseph über die Operettenbühne schreite, damit durch seine bloße Anwesenheit jene Atmosphäre der Angsterleichterung geschaffen werde, die der Mensch braucht." Barbara Cartland liess den Kitsch gleich literweise über ihre vom Leben verängstigten Leserinnen strömen. Dass die Welt des Kaisers Franz Joseph die ihre war, versteht sich von selbst. Als eine naive Reporterin sie fragte, ob sich die Gesellschaft zu ihren Lebzeiten sehr verändert habe, antwortete Dame Barbara: "Aber gewiss doch, meine Liebe. Würde ich sonst mit jemandem wie Ihnen reden?"

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