The National live in Berlin : Das Biest in meinem Kopf

Poesie, Pop, Pathos: The National beim ersten ihrer beiden ausverkauften Konzerte im Tempodrom Berlin.

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The National-Sänger Matt Berninger im Tempodrom.
The National-Sänger Matt Berninger im Tempodrom.Foto: imago/Martin Müller

Das Schöne war bei The National schon immer mit einer Feier der lebensweltlichen Brüchigkeit verbunden. Es erscheint also nur angemessen, dass das Konzert der New Yorker Band im Berliner Tempodrom mit einer technischen Panne beginnt. Die Elektronik hakt.

Und so eröffnen Gitarrist Bryce Dessner und Sänger Matt Berninger den Abend kurzerhand mit einer improvisierten Einlage. Unter Gelächter brechen sie schon nach wenigen Takten ab. „Das klingt furchtbar. Ich habe keine Ahnung, was das ist“, gesteht Berninger. Dann setzt endlich der klackernde Beat von „Nobody Else Will Be There“ ein, dem stillen Opener ihres Anfang September veröffentlichten siebten Albums „Sleep Well Beast“.

The National gilt als Lieblingsband des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, sie unterstützte ihn im Wahlkampf. Zwar klingen aktuelle Songtitel wie „The System Only Dreams in Total Darkness“ in heutigen Zeiten wie ein politisches Statement, doch mit expliziten Ansagen hält sich die Band live zurück. Es lässt sich also nur spekulieren, wer das Biest aus dem Titel des Albums ist. Obamas Nachfolger Donald Trump oder doch nur der eigene, kleine Dämon im Kopf?

Der Sound ist viel zu hallig

Wie auf jedem Werk aus der 18-jährigen Bandgeschichte von The National steht die dunkle und schwere Baritonstimme Berningers im Mittelpunkt. Seine mit beklemmender Intensität vorgetragenen Texte sind noch immer schwer zu dechiffrieren, musikalisch wirken die „Sleep-Well-Beast“-Songs hingegen eingängiger. Und doch fluten auch die neuen Kompositionen den Raum hinter dem Trommelfell mit Melancholie.

Was an nasskalten Herbsttagen vor der heimischen Musikanlage mit einer Tasse Tee in der Hand hervorragend aufgeht, wirkt im Tempodrom leicht deplatziert. Das liegt auch daran, dass der Sound der Ausnahmeband nicht gerecht wird. Mal ist er zu dünn, dann zu matschig, stets jedoch viel zu hallig.

Matt Berninger wuselt rastlos über die Bühne

Leider wird man The National wohl nicht mehr in einem Wohnzimmer erleben dürfen. Denn nicht nur die weltweite Fangemeinde wächst rasant, auch die Band selbst vervielfacht sich bei Auftritten. Neun Musiker stehen in Berlin auf der Bühne und bedienen neben Gitarren, Schlagzeug und Klavier, zahlreiche Synthesizer, Posaunen und Laptops. Wenn es die Tontechnik zulässt, schlägt sich diese Opulenz auch im Klanglichen nieder. Hin und wieder verwelkt die zarte Schwermut von The National allerdings zwischen übersteuerten Gitarrenwänden, Mitklatschorgien und Stadiongesängen.

Das eigentliche Spektakel des Abends ist ohnehin Matt Berninger. Von Beginn an weiß der Sänger nicht so richtig, wohin mit seiner Energie. Rastlos wuselt er über die Bühne, legt seinen Kopf an einen Gitarrenverstärker, klettert auf das Schlagzeug. Dann wieder scheint er im Halbdunkel am Bühnenrand zu sinnieren, vergisst beinahe seine Einsätze, lässt seinen Drink fallen.

Menschen liegen sich in den Armen

Das Poetische und Pathetische liegen bei The National auch an diesem Abend dicht beieinander. Und Berninger ist die Personifizierung dieser Gratwanderung. Seine Performance changiert zwischen introvertiertem Melancholiker und cholerischem Wüterich, der sich gegen Ende des Konzerts durch die Zuschauer pflügt. Sein brüchiges, manchmal leicht schiefes Gesäusel steigert sich immer wieder zu einem hysterischen Kreischen.

24 Stücke spielen The National. Von „I Need My Girl“ bis „Fake Empire“ ist jeder Höhepunkt ihres Schaffens auf der Setliste zu finden. Als letzte Zugabe stimmen die Gitarristen eine A cappella-Version von „Vanderlyle Crybaby Geeks“ an. Ein Lied über emotionale Isolation und Entfremdung, aber auch über Hoffnung und Erlösung. Aus tausenden Kehlen schallt der Text zurück. Die Sitzplätze auf den oberen Rängen sind längst Stehtribünen geworden. Menschen liegen sich in den Armen. Manche weinen. Fast wirkt es wie ein kathartischer Moment im großen Rund einer Selbsthilfegruppe. Eine Ode an die Brüchigkeit, die lehrt, dass Glück nicht die Absenz des Bewusstseins von Unglück bedeutet.

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