Kultur : The Stranglers: Frisch onduliert

H. P. Daniels

Schwere Entscheidung. Wo hingehen? Zu Udo Lindenberg - wegen der guten Sache? Zu Ani DiFranco - wegen der guten Musik? Gehen wir also zu den Stranglers - wegen der guten alten Zeit.

Das Razzle Dazzle gäbe eine schöne Location ab für einen Tatort. Gegenüber von Resten der Berliner Mauer ein finsterer Weg, vorbei an allerlei Müll, Glasscherben, dunklen Containern. Ganz hinten das Razzle Dazzle in einer unwirtlichen Werkhalle. Alternatives Schmuddelambiente. Wie vor 25 Jahren eben, als nicht nur die Stranglers ihre große Zeit hatten.

Im ausverkauften Fabrikschlauch eine aparte Mischung verschiedener Szenen der letzten Jahrzehnte: Langhaarige, Kahlköpfige, Punks, Campinoblondierte, Stirnbänder, geölte Haare, schwarzes Leder. Flattops wie Beavis und Butthead. Und mittendrin ein Häuflein tusseliger Fürsorgezöglinge, die hysterisch kreischen und hopsen, als wären sie im Girlscamp.

Jahrmarktorgel in Dreiviertel. Dave Greenfield hinter Bergen von Keyboards trägt Hippie-Haare zum Pferdeschwanz. Entsetzliches Bassgrummeln, das den Magen hebt. J.J. Burnel gibt das Raubein im Biker-Hemd. Abscheulicher Sound. Höllenlärm. Der neue Gitarrist sieht böse onkelhaft aus, mit gefährlich geschorenem Schädel. Spielt aber ziemlich nett. Und hinten, in einer Ecke im Dunkeln hockt Jet Black am Schlagzeug: ein gemütlicher alter Herr mit imposanter Obelix-Statur.

Paul Roberts ist ein guter Sänger mit einer Stimme irgendwo zwischen Jim Morrison und Billy Idol. Hat viel Kraft und Energie. Ein kleiner Drahtiger mit voll durchtrainiertem Körper, offenem Hemd und schmalen Hüften, die er mächtig schwingt. Und er springt und singt und singt und springt. Zwei Dutzend Stücke lang. Die Hits der letzten 25 Jahre fast pausenlos hintereinander weg: "Skin Deep", "Always The Sun", "Golden Brown", "No More Heroes". Die Doors frisch auf Punk frisiert. Nichts Neues also, doch das Alte ist mal wieder so zeitlos wie gut.

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