Kultur : The Voice is dead

HELLMUTH KARASEK

Er war ein Ärgernis, er war ein Skandal, er war wunderbar.Frank Sinatra gab dem Swing und einer ganzen Männergeneration die Stimme.Und den Frauen gab er noch viel mehr.VON HELLMUTH KARASEKDreißigtausend kreischende Mädchen setzten zum Sturm auf ein Kino an, drückten Schaufenster ein, schlugen um sich, verstopften die Straßen, fielen reihenweise in Ohnmacht.Im New Yorker Paramount-Theatre hatten sich fast viertausend Backfische eingeigelt.Das war in den vierziger Jahren, als die Mädchen noch weiße Socken trugen.Der Sänger, der diese Verzückung erreicht und die Mädchen in den weißen Socken zur Weißglut gebracht hatte, hieß Frank Sinatra.Er galt als "Crooner", als "Greaser", er trug also eine Schmalzlocke und hatte eine schmelzende, schmalzige Stimme.Frank Sinatra stammt aus Hoboken gegenüber von Manhattan, seine Mutter war da Hebamme, er war italienischer Abstammung, also ein Italo-Amerikaner.Er hatte trotzdem wunderbare blaue Augen.Er war schlaksig, dünn, der Adamsapfel war groß und sprang ihm beim Singen auf und ab.Er hatte, wie gesagt, mit Pomade angelegtes schwarzes Haar und er machte die Mädchen mit seiner samtigen, dennoch männlichen Stimme verrückt.Ein Phänomen war geboren.Das Phänomen Frank Sinatra.Frank Sinatra hat von den vierziger Jahren an bis zu seinem Tod eine Karriere durchlebt, die oft totgesagt, sich immer wieder als die stärkste des amerikanischen Showbiz erweisen sollte.Frankieboy, wie er bald zärtlich genannt wurde, The Voice, wie ihn die Leute nannten, Blue Eyes, wie er von seinen Verehrerinnen apostrophiert wurde, war der Sänger schlechthin.Das lag an seiner Stimme, das lag an den Zufällen und an seinem eminenten Aufstiegswillen, der den kleinen "Itaker" aus Hoboken hinaustrieb, ehrgeizig hinaustrieb in den Erfolg.Sinatra war bald der Liebling, der Schlagerliebling seiner Zeit.Aber damit hat er sich nicht zufriedengegeben.Er hat mehr gewollt.Er wollte, unbewußt gewiß, Symbol eines Amerika werden, das als Meltingpot gerade Minderheiten wie die Italo-Amerikaner einschmolz in ein neues großes gemeinsames Lebensgefühl.Sinatra hatte Glück.Er wurde in die Swing-Ära hineingeboren und er hatte eine Stimme, die wie keine andere weiße Stimme den Swing artikulieren, tragen, transportieren konnte.Swing, das war ein neues Lebensgefühl.Swing, das war eine neue Lässigkeit.Swing, das war eine neue Betroffenheit.Seine modulationsfähige Stimme, samtenweich und männlichbestimmt zugleich, frei von jeglichen Krächzern und Nebentönen, transportierte den Swing wie eine helle Fanfare.Sie transportierte ihn gleichzeitig wie ein Saxophon mit seinem dunklen männlichen Timbre.Sinatra hat die Evergreens seiner Zeit am perfektesten gesungen und am perfektesten dargestellt.Seine Lieder sind der Sieg der Swingmusikalität über die Banalität.Nicht auszudenken, wieviele Amerikaner ihr Leben Frank Sinatras Songs verdanken.Und nicht nur Amerikaner.Nach seinen Liedern sind ganze Generationen geboren worden - neun Monate danach.In Sinatras stupender Karriere, die die Karriere des American way of life schlechthin zu sein scheint, gab es Brüche, Dellen, Unterbrechungen.Doch Sinatra hat sie immer wieder gemeistert, immer wieder überstanden.Seine Songs zeichnete aus, daß er den Slang, die Sprache der amerikanischen Mittel- und Unterschicht, hof- und literaturfähig machte.Dank der Sinatra-Songs weiß man, daß der Slang das wichtigste Artikulationsmittel der modernen Kultur im zwanzigsten Jahrhundert werden sollte.Man weiß es dank seiner Evergreens, dank Chandler, dank Hemingway.Sinatra hat die Sprache Amerikas so wiedergegeben, daß sie ihren Siegeszug um die Welt antreten konnte.Sinatra war von vornherein mehr als nur ein Sänger.Er war ein Showtalent, jemand, der sich selbst gab und, indem er sich selbst gab, gab er - Gott sei dank - eine widersprüchliche, eine komplizierte Figur.Er war ein unangepaßter Sänger, der nicht in den Zeitstrom paßte und dennoch - oder gerade deshalb - den Zeitstrom am besten auszudrücken in der Lage war.Als er einmal ganz down war, drängte es den Jungen von der Ostküste, der in Carnegie Hall singen durfte, in dem Tempel der klassischen Musik New Yorks also, drängte es diesen Jungen nach Hollywood, nach dem Westen.Frankie goes to Hollywood nannte sich eine Gruppe, deren Leader inzwischen an Aids verstorben ist, eine der aufregendsten Musikgruppen der neunziger Jahre.Frankie goes to Hollywood war ein Name, den sich die Band nach einem Foto gab, auf dem Frank Sinatra gen Westen fuhr.Er wollte Hollywood erobern, er hat Hollywood erobert.Die Legende dieser Eroberung ist typisch amerikanisch.Die Mafia soll dafür gesorgt haben, daß der Sänger, der damals down und am Boden war, doch in ein erfolgreiches Filmprojekt einsteigen durfte.In dem Film "Der Pate" wird diese Legende so geschildert: Einem Produzenten, der sich weigert, einen kleinen italienischen Sänger in seinen Film zu nehmen, wird ein abgeschnittener blutiger Pferdekopf ins Bett gelegt; es handelt sich um das Lieblingspferd des Produzenten, die Mafia hat es als Warnsignal abgeschlachtet, um ihm klarzumachen, daß er den jungen italienischen Sänger nehmen müsse.Er nimmt den Sänger und der Film hat Erfolg.Die Wahrheit der Geschichte: Fred Zinnemann drehte in Hollywood nach dem Pearl-Harbour-Roman den Anti-Kriegsfilm "Verdammt in alle Ewigkeit".Frank Sinatra, bis dahin nur ein Sänger, spielte mit.Er spielte einen "Looser", der das Elend der Navy mit seinem Tod bezahlt - und das so umwerfend gut, daß er für diese Rolle den Oscar bekam.Pferdekopf hin oder her, Hollywood hat ihn verdient, er hat Hollywood verdient.Er gehörte seit dem Oscar zum "Rat Pack", zu jener Gruppen von alkoholseligen Schauspielern, die nichts wichtiger fanden, als schöne Frauen zu jagen, zu saufen und nach Las Vegas zu fahren.Las Vegas wurde Frank Sinatras dritte Heimat, nach New York und Hollywood.Er war ein Ärgernis, ja ein Skandal.Und er hat trotzdem zur Entourage von drei Präsidenten gehört.Mit Kennedy, so will es die Fama, hat er Frauen geteilt, auch eine, die sowohl mit einem Mafia-Boß wie mit Sinatra als auch mit Kennedy liiert war.Eine brisante Mischung, zweifellos.Zu Reagan hatte er die Sympathie des Konservativen aus Hollywood.Und vorher hatte er auch zu Nixon eine große Nähe.Anfang der siebziger Jahre feierte er sein spektakulärstes Comeback.Der deutsche Komponist Bernd Kaempfert hatte eine Schnulze, anders kann man es nicht sagen, komponiert: "Strangers in the Night".Dieses Lied sollte durch Sinatra zur Hymne eines ganzes Lebensgefühls werden."Strangers in the Night", danach tanzten, eng umschlungen, in aller Welt die Paare, blickten sich tief in die Augen, und wurden, dank Sinatra, aus Fremden zu Vertrauten."Strangers in the Night": Der Refrain heißt übrigens Dubi, dubi, du.Es gab damals ein Graffito auf Toiletten, da stand in drei Zeilen untereinander "To be is to do" Nietzsche, darunter "To do is to be" Sartre und darunter "Dubi, dubi, du" Sinatra.Eine größere, eine philosophischere Popularität kann man nicht erreichen.Wer heute an den Tod dieses wahrhaft ein Jahrhundert verkörperten Sängers denkt, sollte sich seine Titel auflegen und nochmal hören, was er alles in den vielen Jahrzehnten gesungen hat: "The Lady is a Tramp", "Chicago", "I love you", "Come fly with me" und vor allen immer wieder "New York, New York" und wieder "New York, New York".Der späte Sinatra hat noch ein Lied gesungen, das hieß "I did It my way".Dieses Lied, eine trotzige Selbstverteidigung eines Machos, eines Mannes, der Bilanz zieht und doch nicht am Ende sein will, ist, man mag es drehen und wenden, wie man will, zur Devise einer ganzen Männergeneration geworden: Alle wollten sie es, im Sinne von Sinatra, auf ihre Weise getan haben.Individualisten in einer uniformen Gesellschaft.Sperrige Individualisten wie Sinatra einer war.Politisch korrekt war er nie.Angepaßt war er nie.Vielleicht haben ihn deshalb die politisch Korrekten und die Angepaßten so geliebt.Frank Sinatra war ein Mann, der Generationen überleben konnte, obwohl er immer wieder totgesagt wurde.Er hat die Beatles überstanden, sein Swing ist die Musik, die bis heute lebt - auch wenn ihr bester Interpret gestern gestorben ist.

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