"The XX"-Konzertkritik : Schwarze Magie im Grünen

Karussells und Kuratoren: Das britische Pop-Trio The XX hat sich befreundete Musiker wie Jessie Ware, Chromatics und Mykki Blanco zum „Night + Day“-Festival in den Berliner Spreepark eingeladen. Ein Konzertbericht.

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Romy Madly Croft (l.) und Oliver Sim von The XX im ehemaligen Vergnügungspark Spreepark in Berlin.
Romy Madly Croft (l.) und Oliver Sim von The XX im ehemaligen Vergnügungspark Spreepark in Berlin.Foto: dpa

Ganz langsam dreht das Riesenrad ein paar Runden. Niemand sitzt in den bunten Gondeln und bald darauf steht es auch schon wieder still. Doch die wenigen Umdrehungen wirken wie ein stiller freudiger Gruß. So als sage das majestätische Fahrgeschäft des 2001 stillgelegten Vergnügungsparks im Plänterwald: Endlich ist hier mal wieder richtig was los! Sonst steigen ja höchstens mal abenteuerlustige Fotografen oder verliebte Paare ein. Und gelegentlich kommt ein Filmteam, um die pittoresk verfallende Anlage mit ihren Plastiksauriern, Karussells und Märchenhütten als Kulisse zu benutzen.

Für einen Tag wieder zum Leben erwecken den Spreepark drei blasse Engländer, die mit ihrer Band The XX erfolgreichen Düster-Pop machen. Unter dem Titel „The XX Night + Day“  veranstalten sie ein kleines Festival, zu dem sie fünf befreundete Bands eingeladen und ein spezielles Gastronomieangebot zusammengestellt haben. Später auf der Bühne wird Bassist und Sänger Oliver Sim sagen, dass die Band so lange mit den Vorbereitungen beschäftigt war, dass es sich irgendwann angefühlt hat wie eine Hochzeit. Zu Beginn des Spektakels sieht es allerdings mehr nach einer traurigen Schulexkursion aus: Auf der Wiese vor der Hauptbühne sind die Zuschauergrüppchen noch recht überschaubar. Plastikponchos, Regenjacken und Schirme bestimmen das Bild, denn es regnet und ist kühl. Vorne turnt etwas verloren die  Rap-Drag-Queen Mykki Blanco herum. Nur mit schwarzen Leder-Hotpants und einem BH bekleidet, erzeugt schon ihr Anblick Gänsehaut. Die New Yorkerin nimmt die Sache mit Humor. Unbeirrt feuert sie ihre ruppigen Zeilen ab und tigert vor dem DJ hin und her, der die Beats abfährt. In einem Club wäre dieser Sound eindeutig besser aufgehoben. Das gilt auch für das restliche Line-Up des Festivals, inklusive der Kuratoren von The XX selbst. Ob Chromatics, Mount Kimbie oder Jessie Ware, sie alle machen mehr oder weniger elektronischen, Dance-orientierten Pop - eigentlich überhaupt keine Draußenmusik.

Immerhin eine richtige Band hat der Brite Adam Bainbridge mitgebracht, der unter dem Namen Kindness letztes Jahr das feine Album „World, You Need A Change Of Mind“ veröffentlicht hat. Sein Disko-Funk-Electro-Mix zündet in Berlin nicht so recht. Erst als Bainbridge, der geschmacklose Hochwasser-Jeans und ein beknacktes Base-Cap trägt, die Hauptrolle für einen Song den beiden Background-Sängerinnen überlässt, kommt Zug in die Angelegenheit. Endlich hört es auch auf zu regnen, für eine halbe Minute ist sogar die Sonne zu sehen.

Der Andrang am Kaffee-Stand nimmt ab, jetzt bilden sich auch bei den Bierbuden Schlangen. Es gibt Würstchen und Veganes. Was das Besondere an der Gastro-Auswahl sein soll, ist allerdings nicht zu erkennen. Immerhin kann der Becherpfand für Wasserprojekte in Entwicklungsländern gespendet werden. Angenehm ist zudem, dass es keinerlei Werbebanner gibt. Normalerweise sind Veranstaltungen dieser Größe ja komplett von Sponsoren-Botschaften umstellt. Hier sieht man rund um die Bühne nur Bäume.

Die Londoner Sängerin Jessie Ware auf dem The XX Night + Day Festival.
Die Londoner Sängerin Jessie Ware auf dem The XX Night + Day Festival.Foto: dpa

Auf dem Weg zur kleinen Zweitbühne, auf der DJs auftreten, ist die halb verfallene Bimmelbahn-Strecke ein beliebtes Fotomotiv. Inzwischen nimmt das Gedränge zu, doch die Atmosphäre bleibt den ganzen Abend entspannt. Gegen halb sieben sehen die rund 12000 Besucher den Auftritt der US-Band Chromatics, die durch ihre Mitarbeit am „Drive“-Soundtrack sowie ihr fantastisches Album „Kill For Love“ bekannt wurde. Ihren melancholischen Nacht-Sound bringt die Gruppe um Songwriter Johnny Jewel und Sängerin Ruth Radelet überzeugend auf die Bühne. Dunkle Wolken ziehen auf, was gut zum sehnsuchtsvollen „Lady“ passen und zum hypnotischen „The Streets Will Never Look The Same“. Daran fügt sich nahtlos das Kate Bush-Cover „Running Up That Hill“ an, das die Chromatics mit einem fetten Beat unterlegen, um schließlich Neil Youngs „Hey Hey, My My“ mit doppelter Hall-Gitarre in ein extra tiefes Schwarz zu tauchen.

Anschließend lockert Jessie Ware mit munteren Kreisch-Ansagen die Stimmung wieder auf. Live ist sie keineswegs die kühle glamouröse Diva als die sie auf ihrem Debütalbum „Devotion“  erscheint. Die Strahlkraft ihres Soul-Pops wird davon ein wenig gemindert. Doch als die Londonerin sich mit kraftvoller Stimme und flatterndem Oberteil in ihre Hits „Wildest Moments“ und „Running“ wirft, ist das umgehend egal - so geht großes Pop-Drama.

Noch zwei Nummern dramatischer wird es dann beim Einbruch der Dunkelheit als The XX in dichten Nebel gehüllt hereinkommen. Schon den ersten dröhnenden Basston von „Try“ nimmt die Menge jubelnd auf. Licht- und Bühnentechnik kommen nun erstmals voll zum Einsatz und verwandeln das Konzert der Londoner in ein atemberaubendes Spektakel. Alle drei tragen schwarz. Jamie XX bedient seine Maschinen und Trommeln auf einem langen Podest hinter Gitarristin Romy Madley Croft und Bassist Oliver Sim. Das wirkt gleichzeitig imposant und schlicht - genau wie ihr zwischen Minimalismus und Überwältigung pendelnder Sound. Präzise spielt Croft ihre verhallten Morse-Signal-Licks und singt zusammen mit Sim die Liebeslieder ihrer beiden Alben. Es hat etwas Magisches wie ihre Stimmen sich ergänzen. Jamie XX gibt den Songs mit seinen Beats etwas mehr Drive als auf den Platten, so bleibt die Spannung konstant hoch. Bei „Sunset“, das sie mit Modjos „Lady“ und Stardusts „Music Sounds Better With You“ vermischen, kommt Jessie Ware noch einmal zurück und vollendet dieses Schlaumeier-Kunststück zur Perfektion. Auch „Infinity“, „VCR“ und „Angels“ erzeugen einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Es ist beeindruckend, welche Klasse und Stilsicherheit diese Band mit Anfang 20 entwickelt hat. Und Hochzeiten ausrichten kann sie auch. Hoffentlich bleibt es nach der im Juli anstehenden Zwangsversteigerung des Spreeparks nicht das letzte Konzert an diesem tollen Ort. Das Riesenrad und die Dinosaurier würden sich jedenfalls über ein bisschen Action freuen.


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