"The Yes Men Are Revolting" auf der Berlinale : Wenn Aktivisten altern

Sie sind Ikonen der jungen Linken und kommen doch selbst in die Jahre: Die Yes Men scheiterten mit einer Aktion bei Cinema for Peace. In der erfrischend ehrlichen Doku "The Yes Men Are Revolting" gehen sie entspannt mit solchen Fehlschlägen um.

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Kann alles auch mal nach hinten losgehen - aber davon lassen sich die Yes Men Andy Bichlbaum und Mike Bonanno nicht unterkriegen.
Kann alles auch mal nach hinten losgehen - aber davon lassen sich die Yes Men Andy Bichlbaum und Mike Bonanno nicht unterkriegen.Foto: Andy Bichlbaum, Mike Bonanno

Wenn krawattierte Konservative zu Trommeln tanzen und dabei Loblieder auf erneuerbare Energien singen, kann das nur eine Performance der Yes Men sein. Ist es auch – genauer gesagt schließen die amerikanischen Aktivisten Andy Bichlbaum und Mike Bonanno mit der bizarren Szene ihren Dokumentarfilm „The Yes Men Are Revolting“ ab.
Vorher haben sie im Namen der US-Regierung einem Saal voller Rüstungslobbyisten verkündet, dass Amerika ab 2030 komplett auf grüne Energie umsteigen und die Aufsicht über den neuen Wirtschaftszweig den indianischen Ureinwohnern des Landes übertragen wird, als späte Entschädigung. Die versammelten Militärs und Rüstungsproduzenten nehmen es staunend, aber nicht abgeneigt zur Kenntnis. Verdacht schöpft niemand – nicht mal beim anschließenden Trommeltanz.
Willkommen im schrägen Universum der Yes Men, die in ihrem mittlerweile dritten Film erneut Großkonzerne und Regierungen bloßstellen, indem sie als deren angebliche Vertreter überraschende Kurswechsel verkünden. Am spektakulärsten gelang ihnen das 2004 mit dem US-Konzern Dow Chemical: Bei einer getürkten Pressekonferenz gab Bichlbaum bekannt, das Unternehmen habe entschieden, endlich die Verantwortung für die Chemiekatastrophe von Bhopal zu übernehmen. Die Presse griff die Sensation auf, der Konzern dementierte überstürzt – und wies damit unklugerweise jede Verantwortung von sich. Prompt sackte der Kurs des Unternehmens derart in den Keller, dass sein Börsenwert vorübergehend um zwei Milliarden Dollar einbrach.
„Nicht alle Aktionen laufen so gut“, erklärt am Mittwochmorgen in Berlin ein sichtlich verkaterter Mike Bonanno. Anderthalb Tage ist es her, dass die Yes Men versucht haben, im Eisbärenkostüm die Berliner „Cinema for Peace“-Gala zu stürmen, als Zeichen gegen den Klimawandel. „Leider haben wir unser Einsatzsignal verpasst und sind im falschen Moment auf die Bühne gerannt“, sagt Bonanno. Dort lief gerade eine Preisverleihung für den Film „Verunga“, dessen Machern die Yes Men nichts Böses wünschen. „Kollateralschaden“, erklärt Bonanno entschuldigend. Sicherheitskräfte schleppten die Aktivisten aus dem Saal, ihr Protest lief ins Leere.

Auch im neuen Film läuft nicht alles rund, was Bonanno und Bichlbaum gemeinsam anzetteln: Mal vereiteln organisatorische Patzer ihre Aktionen, mal schaltet sich die Presse nicht ein, mal interessiert sich einfach niemand für ihr Tun. Anders als in den ersten beiden Filmen sind die Yes Men keine linken Superhelden mehr, sondern fehlbare Menschen. Die zudem in die Jahre kommen: Bonanno hat drei Kinder, Bichlbaum sehnt sich nach einer stabilen schwulen Beziehung. Ihre Jobs – beide sind Kunstdozenten – mindern ihre Risikobereitschaft. Manchmal zweifeln die Mittvierziger, wie viel ihr Protest wirklich bewirkt, manchmal fragen sie sich, ob sie als Aktivisten alt werden wollen.

Die Yes Men lassen sich nicht entmutigen

„Die meisten Menschen wachen morgens nicht mit dem Glauben auf, dass sie die Welt verändern können“, erklärt Co-Regisseurin Laura Nix. „Und das hält sie davon ab, aktiv zu werden. Ich wollte zeigen, dass die Yes Men solche Zweifel kennen. Der Trick ist, sich davon nicht entmutigen zu lassen.“

Dieselbe Botschaft vertraten die beiden, als sie am Sonntag bei einer Diskussionsrunde mit „Freitag“-Chefredakteur Jakob Augstein im Maxim-Gorki-Theater auftraten, vor auffallend jungem Publikum. Eine Studentin erklärte bei der anschließenden Fragerunde, sie schreibe gerade ihre Bachelor-Arbeit über die beiden Aktivisten, ein Mitglied der Berliner Künstlergruppe „Peng Collective“ berichtete von Yes-Men-inspirierten Protestaktionen, gleich mehrfach versuchte Augstein erfolglos, lange Huldigungsmonologe an Bichlbaum und Bonanno zu unterbrechen. Fühlt man sich nicht wirklich alt, wenn man von der linken Szene derart aufs Podest gehoben wird? „Schon“, antwortet Bichlbaum. „Aber auf eine gute Art.“
Übrigens, Geheimtipp: Im Gespräch deuten die Yes Men an, dass im Verlauf der Berlinale noch „etwas Unerwartetes“ passieren könnte. Wir halten die Augen offen.

"The Yes Men are Revolting" kommt im Juni in die deutschen Kinos.

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