Thea Dorn und Richard Wagner : "Prenzlauer Berg ist ein Biotop des neuen Biedermeier"

Warum Martin Luther ein gnadenloser Berserker ist und wir in großer Ratlosigkeit leben: Die Schriftsteller Thea Dorn und Richard Wagner über den 9. November, die Kulturnation und ihr Buch über die deutsche Seele.

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Foto: Doris Spiekermann-Klaas.
13.05.2011 14:59Willkommen in Prenzlauer Berg! Begleiten Sie uns auf einen Bummel in Bildern durch den Stadtteil. Hier stehen...

Thea Dorn und Richard Wagner, Sie haben ein Buch mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgebracht. Der Dramatiker Arthur Schnitzler hat vor 100 Jahren die Seele jedes Menschen ein „weites Land“ genannt. Lässt sich denn in Deutschland eine kollektive, nationale Seele finden?

RICHARD WAGNER: Das kommt auf den Versuch an. Nach der totalitären Barbarei des Nationalsozialismus ist die Frage nach einer tieferen deutschen Identität in Geschichte und Kultur jahrzehntelang entweder verdrängt oder in der Dimension verkürzt worden.

THEA DORN: Natürlich liegt der Schatten des Nationalsozialismus auf der deutschen Seele. Viele finden es auch schlicht uncool, sich mit diesem vermeintlich altmodischen Ding namens Seele zu beschäftigen. Gerade nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung hat sich aber gezeigt, dass es falsch war, vor allem auf das Materielle zu setzen. Wenn die Deutschen in Ost und West nur das Geld vereinte, dann stünden wir auf hohlem Boden. Man sieht die Probleme jetzt in Europa. Gesellschaften brauchen als Halt eine untergründige Verbundenheit, die wir einfach mal Seele nennen.

WAGNER: Bei der Wiedervereinigung spielte die Kulturnation erst mal keine Rolle. Dabei ist das ein Begriff, der den deutschen Seelenhaushalt nachhaltig bestimmt hat. Die Kulturnation war nicht nur am Weimarer Musenhof um Goethe und Schiller der Ersatz für die fehlende politische Nation, sie möblierte auch die deutsche Innerlichkeit, während man draußen in der Politik nur Zaungast der bürgerlichen Revolution der Franzosen war. Martin Walser bezeichnete die Kulturnation 1988 noch barsch als „Abfindungsformel“. Aber was sie ausmacht, wäre jetzt von stärkstem Interesse für die aktuelle Integrationsdebatte.

Ist der 9. November, der beim Mauerfall 1989, in der Pogromnacht 1938, bei der Ausrufung der Republik 1919 und schon bei der gescheiterten bürgerlichen Revolte 1848 ein Tag der Freude oder der Schande war, so etwas wie der deutsche Allerseelentag?

WAGNER: Es hat Symbolkraft, dass ein Tag wie dieser mit so unterschiedlichen Gesichtern durch unsere Geschichte geistert. Symbole dienen der Selbstvergewisserung. Alle Identitätsdebatten, die nach 1989/90 in der „Berliner Republik“ geführt wurden, kreisten jedoch um den Holocaust, die NS-Diktatur oder den Stasi-Staat. Davor gähnt ein riesiges Loch.

DORN: Das 20. Jubiläum des Mauerfalls in Berlin war doch blamabel. Da hatte die Bundesregierung die Festveranstaltung vor dem Brandenburger Tor an das ZDF und eine Eventproduktionsfirma verkauft. Es wurde eine von Thomas Gottschalk moderierte x-beliebige TV-Show, schlechter als „Wetten dass“ auf Mallorca, schon wegen des Wetters. Was für eine Selbstvergessenheit ist am Werk, wenn wir an ein so zentrales Ereignis, der eigenen Geschichte, an einen ursprünglich utopischen Aufbruch nach 20 Jahren nur noch in banalsten Formen zu erinnern wissen. Das hat auch mit unserer Scheu vor dem Pathos zu tun.

Diese Scheu ist eine Reaktion auf den Missbrauch von Zeremonien und den pathetischen Gefühlskitsch der Nazis. Sehen Sie darin eine deutsche Seelenschwäche?

DORN: Es ist ein Tabu, das bereits die Geschichte der Bundesrepublik durchzieht. Willy Brandt war einer der wenigen, die noch zum Pathos fähig waren. Bei Helmut Kohl 1985 mit Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg ist das prompt schiefgegangen. Heute haben wir für unsere pragmatische Nüchternheit die perfekte Kanzlerin.

Ist das schlimm?

DORN: Ich möchte schon, dass ein Land in seinem Innersten mehr ist als die Summe seiner Steuerzahler und Transferleistungsempfänger.

Sie ergründen die „deutsche Seele“ in 60 Kapiteln. Die Stichwort reichen von „Abendbrot“ und „Arbeitswut“ bis „Männerchor“, vom „Reinheitsgebot“ zum „Sozialstaat“, von „Wanderlust“, „Wiedergutmachung“ und „Winnetou“ bis „Zerrissenheit“. Was es nicht gibt, sind „Liebestod“, „Romantik“ oder die „Wende“.

WAGNER: Diese Motive sind alle in verwandten Kapiteln enthalten und im Register zu finden.

Im längsten Kapitel „Musik“ lesen wir, wie auf dem Weg von Bach über Beethoven und Wagner hin zu Berg und Schönberg der deutsche Konzertsaal zum neuen Gotteshaus wird. Schönberg wurde als Jude und Prophet einer „undeutschen“ Musik von den Nazis vertrieben. Die moderne Seelenkunde rührt bekanntlich von Sigmund Freud, dem jüdischen Psychoanalytiker. Gibt es für Sie eine deutsch-jüdische Seele, die ab 1933 ausgelöscht werden sollte?

DORN: Es gab eine deutsch-jüdische Seele, wie es die deutsch-jüdische Kultur eines Heine, Mendelssohn, Kafka oder Kortner gab. Auch gibt es sicher Unterschiede zur nichtjüdisch-deutschen Kultur. Heinrich Heine macht etwas anderes aus dem „Tannhäuser“-Mythos als Richard Wagner. Beide stehen fasziniert vor dem Abgrund des Venusbergs, es ist die alte deutsche Lust an der Tiefe, die Weib und Berg verkörpern. Wagner schickt seinen Tannhäuser in den Venusberg, worauf dieser feststellt, dass der Liebesrausch mit einer heidnischen Göttin einem deutschen Helden keine Ewigkeit bescheren kann. Also hilft nur der Liebestod, der deutsche Untergangsgestus. Bei Heine macht Tannhäuser eine erfolglose Buß-Reise nach Rom zum Papst, dann aber kehrt der verliebte Minnesänger zurück zu Frau Venus, die legt ihn ins Bett, kocht ihm ein Süppchen, und Heine nutzt das bürgerliche Idyll zu satirischen Versen: über christliche und deutsche Seelenlandschaften und die verschnarchte deutsche Kleinstaaterei. Der eine versenkt sich berauscht ins Nichts, der andere entlarvt den Abgrund als biedere Senke. Oder die biedere Senke als Abgrund.

Warum Martin Luther in Deutschland verklärt wird und alles andere als ein Kämpfer für die menschliche Selbstbestimmung war, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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