Theater : Abstieg ins Familienarchiv

"Dritte Generation" in der Berliner Schaubühne: Ein bemerkenswertes Stück voll schwarzem Humor.

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Mit Yael Ronens Projekt „Dritte Generation“ läuft seit 2009 an der Berliner Schaubühne eine der politisch bemerkenswertesten Theaterarbeiten der letzten Jahre. Die Regisseurin bittet drei israelische und drei palästinensische Schauspieler, die mit israelischem Pass in Tel Aviv oder Haifa leben, zusammen mit vier deutschen Akteuren gleichsam zur Gruppentherapie. Mit tiefschwarzem Humor hauen sich die Akteure gegenseitig ihre Biografien und Ressentiments um die Ohren, um zu den Schmerzpunkten vorzustoßen: Die Enkel der Holocaust-Täter, -Opfer und der Überlebenden, die 1948 Israel gründeten, genauso wie die Enkel der Palästinenser, die vertrieben oder zu „Bürgern zweiter Klasse“ wurden.

An einem thematisch ähnlichen Stoff arbeiten seit 2007 auch der deutsche Regisseur Andreas Robertz und sein mexikanischer Kollege Mario Golden. Sie haben erst sechs Schauspielerinnen aus Berlin, dann fünf jüdische Darstellerinnen aus New York gebeten, sich in ihre Familiengeschichte zu vertiefen. Sechs Monate hatten die Akteurinnen – Frauen zwischen 20 und 50 Jahren – Zeit, ihre Mütter und Großmütter zu befragen und im privaten Familienarchiv zu forschen. Die Berliner Schauspielerinnen stießen auf Hochzeitsfotos von Großvätern, die nicht aus dem Krieg zurückgekehrt sind, auf Erinnerungen von Großmüttern an jüdische Nachbarinnen, die eines Tages verschwunden waren.

In einem zweiten Schritt wurde das Material zur Grundlage von Theaterstücken. Ab Mittwoch kommt es beim „Intimate Relations Project“ zur Uraufführung beider Stücke: Das deutsche Team enthüllt in „Lunas Armband“ (18., 22. & 26.–28.8., 20 Uhr) im Jüdischen Waisenhaus Pankow (Berliner Str. 120/121, Betsaal) das Geheimnis um ein Familienerbstück. Bei der New Yorker Truppe versuchen in „Searching for a New Sun“ (25.8., 20 Uhr) im English Theatre (Fidicinstr. 40) vier jüdische Frauen das Schweigen zu brechen.

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