Kultur : Theater als Mahnmal: Vaters Nacht

Rüdiger Schaper

Zwei Monologe. Eine lange Stunde auf der Bühne des Berliner Ensembles. Die Zuschauer schauen auf den Eisernen Vorhang. Es sind nicht viele, die in diesem Arrangement Platz finden, und es sind auch nur fünf Vorstellungen angesetzt, aus gegebenem Anlass. Auf dem Boden ein Davidstern, der in der Dunkelheit leuchtet. Das ist die Spielfläche, mit den klassischen Requisiten; Tisch und Stuhl, Pelzmantel. Und der Koffer.

Pflichtveranstaltung: ein schlimmes Wort. Aber dies ist ausdrücklich eine Pflichtveranstaltung, keine gewöhnliche Premiere. Das Berliner Ensemble hat sich verpflichtet, an den Beginn der Deportation der Berliner Juden zu erinnern, die am 18. Oktober 1941 begann. So verlangt es der Pachtvertrag mit der Holzapfel-Stiftung, der die Theaterimmobilie am Schiffbauerdamm gehört und hinter der Rolf Hochhuth steckt. So hatte der in seine Moralität verrannte Dramatiker die alljährliche Aufführung seines "Stellvertreters" festschreiben wollen, des Skandalstückes von einst. Man einigte sich anders: BE-Direktor Claus Peymann hat den "Stellvertreter" für einen späteren Zeitpunkt angekündigt und nun, um jenes 18. Oktobers zu gedenken, eine kleine Uraufführung von Christoph Hein angesetzt, "Mutters Tag", ergänzt um eine Szene aus Brechts "Furcht und Elend des Dritten Reiches".

Eine mulmige Situation. Es stellen sich grundsätzliche Fragen. Kann Theater das leisten - ein rituelles Erinnern an die Verfolgung und Ermordung der Juden in Berlin? Oder läuft es dabei Gefahr, mit einem verordneten Antifaschismus, wie ihn die DDR praktizierte, keine Wirkung zu erzielen oder vielleicht sogar das Gegenteil zu bewirken - intellektuelle Selbstbestätigung nämlich, im schlimmsten Fall auch Überdruss? Nicht das Theater als Institution, die Kunst allein könnte diese Frage beantworten, dieses Dilemma auflösen. Hier kann sie es nicht.

Es beginnt im alten Brecht-Theater: mit altem Brecht-Theater. Die Szene stammt aus dem Brecht-Programm "Von der Freundlichkeit der Welt", das George Tabori für das BE zusammenstellte. Therese Affolter spielt "Die jüdische Frau". Es ist das Jahr 1935. Die jüdische Gattin eines Oberarztes steht im Begriff, ihren Mann, ihre Wohnung, ihr Land zu verlassen. Im Zwiegespräch mit dem Abwesenden, beim Packen, erkennt sie mit bestürzender Klarheit, wie das unmenschliche Denken der Nationalsozialisten bereits ihre Ehe ausgehöhlt, zerstört hat, unmerklich, unheimlich, wie eine unheilbare Krankheit. Therese Affolter stellt die Figur nicht aus, sie wirft sich aber auch nicht leidenschaftlich ins Spiel. Sie produziert eine aufgekratzte Künstlichkeit. Jürgen Holtz, ihr Mann, wenn er dann doch noch hinzukommt, steht da wie ein schuldbewusster Tropf. Schnell beschleicht einen das fatale Gefühl, in eine museale Welt der Klischees geraten zu sein. Etwas Lähmendes liegt über der Bühne, auf der die Zuschauer mit den Akteuren sitzen, in sicherer Betroffenheit. Und merkwürdig mutet diese Mischung aus theatralischer Bescheidenheit und moralischem Anspruch an. Die "Leitung" liegt bei Claus Peymann, Karl-Ernst Hermann, Jutta Ferbers: reichlich Personal für das winzige Dramolett "Mutters Tag", das auf Brecht folgt. Christoph Hein schrieb es im Auftrag des BE - für George Tabori. Für Tabori, den Schauspieler.

Der alte jüdische Schriftsteller, George Tabori selbst, sitzt an der Schreibmaschine, raucht. Er ist allein. Eine Beckett-Erscheinung. Bärtig, ungepflegt, in ein Manuskript versunken. Er ist nicht allein: Ursula Höpfner, eine junge Frau von Anfang Vierzig, sucht also den greisen Sohn heim, da sie die neuerliche Bedrohung spürt - der Geist der von den Deutschen ermordeten Mutter. Eine Hamlet-Situation? Eher eine dünne Brecht-Paraphrase. Nicht eben subtil spielt Hein auf Taboris Biografie an. Und Tabori, lächelnd entrückt, hält die Stellung. Drohbriefe, rassistischer Telefonterror holen Jakob, den Schriftsteller, ein, in Deutschland. Ein Stein, mit Hakenkreuz bemalt, fliegt durch die Tür im Eisernen Vorhang, gläsernes Klirren vom Band. Kann es denn wahr sein? Die Bösen draußen, und bei den Guten wieder mal sämtliche offenen Türen eingerannt ... . Mit erschreckender Harmlosigkeit ergibt sich das Vorhersehbare: im Text so wie im Spiel, in all dem feierlich-falschen Ernst.

Auf Paul Spiegels Frage, "ob es richtig sei, dass Juden in Deutschland leben", gibt "Mutters Tag" eine ausweichende Antwort. Der alte Mann zieht, nach dem Rat der Mutter, in den zweiten Stock. Wegen der Steine.

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