Kultur : Theater am Kurfürstendamm: Sind so kleine Schweine

Christoph Funke

Acht auf einen Streich. Gemeinsam gehen sie zum Teufel in die feuerrot wabernde Hölle, Herren zumeist schon gesetzten Alters, die sich 90 Minuten lang die Seele aus dem Leib gespielt und vor allem gesungen haben. Aber sie sind, zur Zugabe, gleich wieder da, um im Chore mit kräftigem Selbstbewusstsein zu verkünden: "Männer sind Schweine".

Das bestätigte nun doch manche bange Erwartung. Denn was da vom Klavier und aus acht vollen Kehlen zu musikalischer Verkündigung kommt, nimmt seinen Ausgangspunkt in einer Art Olympiastadion, also bei einem Fußballspiel von Hertha BSC- übrigens Sponsor für die Ausstattung des "Männer"-Unternehmens vom Kurfürstendamm.

Also ist Bier da und Aggression, werden Pissbecken ausführlicher, detailbesessener Nutzung unterzogen. Aber das alles ist nur Beiwerk, denn vor allem wird ja gesungen. Von der Mama und von Männertreu, vom kleinen Bären und den verführerischen Girls, von Liebe, Trennung, Eifersucht in nahezu allen nur möglichen Gefühlslagen. Und wenn Erschöpfung vom maskulinem Imponiergehabe droht, erinnern sich die Sänger-Spieler sehnsuchtsvoll an die kleine Nymphomanin. Mozart, wem sonst, wird die Ehre der Ouvertüre und des Finales zuteil, dazwischen tummelt sich Singbares von Heintje und Marius Müller-Westernhagen über Peter Maffay und Herbert Grönemeyer bis zu den Rolling Stones, Volksliedhaftes nicht zu vergessen.

Aber so unverdrossen auch versucht wird, die singende Fußballfan-Gruppe in Bewegung zu bringen, eine überlegene, eine charmante Lockerheit will nur gelegentlich gelingen. Martin Woelffer hat die Folge der Lieder trumpfend arrangiert, kantig, mit viel Druck. Aber auch als Nichtraucher sehnt man sich plötzlich nach "Zigarren" - nämlich nach Wittenbrinks Liederabend im Berliner Ensemble. Franz Wittenbrink, dessen Revuen und Liederabende überall als Zuschauermagnet eingesetzt werden, ging mit den "Zigarren" über den 1997 zum ersten Mal am Hamburger Schauspielhaus gezeigten "Männer"-Liederabend einen großen Schritt hinaus, verließ das Geschlechtsspezifische und ersetzte es durch eine hintergründig philosophische Weisheit.

Eine Stufe zurückzugehen ist zumeist misslich. Auch im Theater am Kurfürstendamm. Denn musikalisch kann der Abend unter der Leitung von Andrew Hannan durchaus bestehen, und die acht singenden Darsteller legen sich temperamentvoll ins Zeug, mit beachtlichen Soli (Höhepunkt: die drei Tenöre) und kraftgeladenen Ensembles. Und doch wirkt die merkwürdige Steifigkeit des Bühnenbilds mit den auf Stufen montierten roten Plastiksesseln (Bühne Norbert Michael) auf das Spiel zurück. Munter, beschwingt, überlegen wird der Abend in seiner Gänze nicht. Auch dann nicht, wenn Bettina Bruns als zunächst nur hörbare Theaterprinzessin, endlich auf dem Flugapparat hereinschwebt und die Männer mit Schürze und Löffel in die appetitlich köchelnde Hölle holt.

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