Theater : "Asyl" für angriffslustigen Schauspieler

Der Berliner Theaterintendant Claus Peymann (Bild) hat dem Frankfurter Schauspieler Thomas Lawinky "Asyl" angeboten, nachdem dieser wegen eines Angriffs auf einen Kritiker entlassen worden war.

Berlin - Lawinky könne festes Mitglied am Berliner Ensemble werden, sagte Peymann am Montag. Dort seien im Gegensatz zu Frankfurt die «Haupttugenden des Theaters» ausdrücklich erwünscht, meinte Peymann und nannte beispielsweise «Fantasie und Improvisation», «Irrsinn und Gelächter», «Ironie, Publikums-, Kritiker- und Selbstbeschimpfung und so weiter und so fort bis ans Tor der Hölle».

Der Schauspieler hatte am Donnerstagabend bei der Premiere eines Ionesco-Stücks im Frankfurter Schauspiel Gerhard Stadelmaier («Frankfurter Allgemeine Zeitung») den Notizblock entrissen und den Kritiker beschimpft. Am folgenden Tag wurde das Arbeitsverhältnis mit Lawinky «einvernehmlich beendet». Peymann nannte den «FAZ»- Journalisten einen «Theaterkaputtschreiber».

Lawinkys Vertrag war am Freitag aufgelöst worden, nachdem er Stadelmaier bei der Premiere des Ionesco-Stücks «Das große Massakerspiel» am Donnerstagabend den Block entrissen und ihn beschimpft hatte.

Stölzl bezeichnete den Angriff Lawinkys in der «Netzeitung» als «krassen Einzelfall». Dennoch solle man diesen zum Anlass nehmen, sich «über die Idee des Theaters» auseinander zu setzen. Aus seiner Sicht bestehe die Idee des Theaters darin, dass zumindest der Zuschauer «unbehelligt» bleibe. Das Theater beruhe auf der «Grundvereinbarung, dass auf der Bühne ein anderer Handlungsraum» sei als im Publikum. «Ich bin [als Zuschauer] ergriffen von dem, was auf der Bühne stattfindet, muss aber sicher gehen, dass ich nicht gegen meinen Willen ergriffen werde», sagte Stölzl.

Der Berliner Regisseur Christoph Schlingensief ging mit Stadelmaier, der die Entlassung Lawinkys verlangte hatte, hart ins Gericht. Mit seiner Intervention «hat sich Stadelmaier selbst entzaubert», sagte Schlingensief ebenfalls der «Netzeitung». «Seine Zeiten als Starkritiker sind vorbei.»

Die Frankfurter Schauspiel-Intendantin Elisabeth Schweeger wies am Montag Vorwürfe Stadelmaiers, das Verhalten Lawinkys sei in der «strukturellen Logik» des Frankfurter Theaters begründet, zurück. Es handle sich um eine einmalige «Entgleisung», die nichts mit dem Theater an sich zu tun habe. Stadelmaier hatte Schweeger vorgehalten, ihre Arbeit basiere auf Grenzüberschreitungen. «Kunst muss Freiraum haben. Sie muss ausloten», verteidigte Schweeger das Regietheater. Sie räumte ein, dass ihr die Trennung von dem «hervorragenden Schauspieler» Lawinky «sehr schwer» gefallen sei.

«Wenn ich einem Kritiker den Block entreiße, dann ist das eine Grenzüberschreitung, die nicht gerechtfertigt ist», sagte der Dresdner Intendant Holk Freytag, Präsidiumsmitglied im Deutschen Bühnenverein, der «Netzeitung». Das sei nicht durch Kunstfreiheit gedeckt. «Ob es dann zu einer fristlosen Entlassung des Schauspielers kommen musste, kann diskutiert werden.» Die Forderung nach einer generellen Debatte über Möglichkeiten und Grenzen von Theater wies Freytag zurück. «Anhand einer Inszenierung kann man Theater analysieren und sagen, was Theater soll, das hat aber nichts mit diesem indiskutablen Vorgang zu tun.» (tso/dpa)

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