Theater : Auf dem Förderband des Lebens

Gorki-Theater: Armin Petras macht aus Max Frischs Roman "Homo Faber" ein bewegendes Requiem.

Andreas Schäfer

In der Pause sagt ein Mann zu seiner Begleitung: „Alles hab ich nicht verstanden. Da muss ich noch mal nachlesen.“ – „Ist gar nicht nötig“, antwortete die Frau. „Lass einfach sacken.“ Weise gesprochen. Denn heute muss man im Maxim-Gorki- Theater wirklich nicht immer wissen, ob die Sätze, die da oben von sechs tollen Schauspielern gesprochen werden, nun von Max Frisch oder vom Regisseur Armin Petras stammen, der Frischs Roman „Homo Faber“ für die Bühne adaptiert hat. Oder vielleicht doch von Sophokles, von dessen „Ödipus auf Kolonos“ sich Petras nicht nur für den Titel seiner Version „Ödipus auf Cuba“ hat inspirieren lassen. Es ist auch nicht nötig, dass man immer weiß, wo man sich gerade befindet: ob in einem kubanischen Theater, einer mexikanischen Wüste, einem moldawischen Zeltplatz oder auf einem Raumfahrt friedhof. Eine vage Ahnung genügt.

Das Entscheidende an diesem Abend ist ohnehin die Atmosphäre. Und die ist über weite Strecken so dicht wie der Zigarrenrauch, den die grell kostümierten Klischeekubaner anfangs in die Luft paffen. Das Entscheidende ist das Verstreichen der Zeit, das spürbar wird, die Trauer über das vergeudete, schuldbehaftete Leben des Technikers Walter Faber, die sich aufs schmerzhafteste mit der Erkenntnis mischt, dass mit Fabers Leben unser aller Lebensweise an ihr Ende gekommen ist: die Strategie der Kolonisierung, die Ausbeutung von Landschaften, Menschen, dem eigenen Körper. „Es existiert nicht der mindeste Grund, zu glauben, dass die Welt so bleibt, wie wir sie zu kennen glauben“, prophezeit Cristin König als Archäologin Helen am Ende Peter Kurth, also Walter Faber, der diese Worte still aufnimmt, gleichsam nach innen lauschend auf das zerstörerische Knuspern seines Magenkrebses – während im Hinterkopf des Zuschauers noch das Grollen der zusammenbrechenden Finanzmärkte zu vernehmen ist.

Warum die Odyssee des Walter Faber nicht wie bei Frisch am Flughafen von New York, sondern als Leseprobe in Kuba beginnt, bleibt trotzdem schleierhaft. Da sitzen sie zu sechst, Textbücher in der Hand, und Peter Kurth liest wie ein Märchenonkel aus seinem Leben vor. Spielszenen werden angerissen, dann schnellt die Erzählweise wieder in den nüchternen Berichtsmodus zurück. Sicher, die Nüchternheit ist auch bei Frisch Fabers Problem. Die Technikfixierung des Ingenieurs, die Distanz zu den eigenen Emotionen. Trotzdem fürchtet man das übliche dröge Nachbericht-Theater einer Romanadaption. Doch dann kippt die Rückseite des riesigen Containers, den Kathrin Frosch auf die Bühne hat hieven lassen, nach vorn und offenbart einen leeren weißen Raum, eine Globalisierungsbox. Die kann nicht nur überallhin verschifft werden, mit ihrer Öffnung zieht auch ein dezent surrealer Geist in die Inszenierung, unsichtbare Albtraumschwaden und Apokalypsowolken hängen in der Luft, während im Vordergrund die schon von Frisch bekannten Faber-Stationen abgeschritten werden.

Faber besucht seinen Freund Joachim, der bei Petras auf einem Weltraum friedhof wohnt, Visionen von der Welt erweckung aus dem „Kokon der Gegenwart“ fantasiert und von Robert Kuchenbuch als ein herzzerreißendes mythisches Zwitterwesen gespielt wird – halb Vogel, halb Magier –, das aussieht wie „eine Motte, die zum Fasching“ geht.

Faber reist auf einem Schiff nach Amerika, trifft Sabeth, verliebt sich, über redet sie zu einer Reise durch Europa (die bei Petras nicht durch Paris, sondern ins „Mückenparadies“ eines moldawischen Campingplatzes führt), schläft mit ihr und kann nicht verhindern, dass sie in Griechenland von einer Schlange ge bissen wird. Von ihrer Mutter und seiner ehemaligen Geliebten Hanna, die jetzt Helen heißt, erfährt Faber, dass Sabeth seine eigene Tochter ist. Sabeth stirbt, Faber – inzwischen wieder als Tourist auf Kuba – auch, nicht ohne seiner Schuld und dem verfehlten Nichtleben ins Antlitz geblickt zu haben.

Das Gerüst bleibt – den Rest hat Petras in die Gegenwart gezogen. Vor allem die ökologische Situation hat sich verschärft, immer wieder wird über die knapper werdende Ressource Wasser referiert. Dass am Ende auch noch der Konflikt zwischen Arm und Reich abgehakt werden muss, indem eine schwarzlockige Kubanerin (Maria Simon) Faber für ein paar Dollar einen Blowjob aufzwingt, ist etwas zu viel des Globalisierungskonzepts.

Ohnehin gewinnt der Abend wegen der Schauspieler, vor allem wegen Peter Kurth und Julischka Eichel als Sabeth. Selten war die Begegnung zwischen einem älteren Mann und einem blutjungen Mädchen so hoffnungslos, so durch und durch Missverständnis wie hier. Großartig, wie Kurth eigentlich durch Nichtstun, durch stoisches Rumstehen und ungerührtes Beobachten, sein Drama transparent macht. Wie ein ratloser Bär fährt er auf dem Förderband des Schicksals durch seine immer dunkler werdenden Tage – während Julischka Eichel nicht weiß, wohin mit ihrer Energie. Quirlig tollt sie um den Mann herum, angezogen von seiner Schwermut, abgeschreckt von „Bauch und Glatze“, wie sie einmal mit der Hemmungslosigkeit des Kindes feststellt.

Einmal überschüttet Faber sich und Sabeth mit Wasser, dann rutschen die beiden durch den Globalisierungscontainer. Juchzend, aber nebeneinanderher. Mehr Zweisamkeit lässt dieser bewegende Abgesang auf den Selbstbetrug nicht zu.

Wieder am 22.11. sowie am 4. und 14. 12.

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