Theater : Back dir ein Drama

Mit Torte: Horvaths "Glaube Liebe Hoffnung" am Maxim-Gorki-Theater.

Andreas Schäfer

Worum es in seinen Stücken geht, erklärt Ödön von Horvath, 1901 geboren und 1938 während eines Gewitters von einem herabstürzenden Ast in Paris tödlich getroffen, am besten selbst: um den „gigantischen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft.“ Oder auch: „Es soll gezeigt werden, wie tragische Ereignisse sich im Alltagsleben oft in eine komische Form kleiden. Alle meine Stücke sind Tragödien. Sie werden nur komisch, weil sie unheimlich sind.“

Die entscheidenden beiden Wörtchen dieser Selbstauskünfte lauten natürlich „gigantisch“ und „unheimlich“. Gigantisch ist beim Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft vor allem die Ohnmacht des Einzelnen. Über dessen Wünsche, Träume und Hoffnungen fegen die Verhältnisse (Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit) oder die Bürokratie, meistens aber die Gefühlskälte der anderen wie eine Schicksalsmacht hinweg. Komplexerweise ist der Einzelne aber nicht nur Gegner der Allgemeinheit, sondern immer auch Teil derselben – und hier kommt bei Horvath das Unheimliche in Gestalt seiner wunderbaren Sprache ins Spiel. Horvaths Figuren aus dem Klein- und Kleinstbürgertum sprechen nämlich einen artifiziellen Bildungsjargon, der ihnen wie eine zu heiße Kartoffel im Mund liegt. Dieser aus Allgemeinplätzen und Redewendungen zusammengebastelte Kunstsprech suggeriert zwar Teilhabe am gesellschaftlichen Einfluss, steht aber im krassen Gegensatz zu ihrer ohnmächtigen Situation und ist auch unfähig, zum anderen vorzudringen. Das macht den bösen Witz der Stücke aus und stellt die Herausforderung an einen Horvath- Regisseur dar: Die Sätze äußerlich und fremd sprechen zu lassen, aber so, dass durch sie hindurch Sprachlosigkeit und die fundamentale, rührende Horvath-Einsamkeit spürbar werden.

Von dieser Herausforderung, also von dem Wechselspiel zwischen innen und außen, will (oder kann?) der junge Regisseur Ronny Jakubaschk, der im Maxim- Gorki-Theater Horvaths „Glaube Liebe Hoffnung“ inszeniert, nichts wissen. Äußerlich heißt bei Jakubaschk äußerlich, und so tragen die Schauspieler in dem Rumpelbühnenbild von Mascha Denecke (mit Umzugkartons verkleidete Hausfassade) die Horvath-Sätze tatsächlich wie sperrige Fremdkörper ungelenk vor sich her – nicht um irgendeiner inneren Ratlosigkeit nachzuhorchen, sondern um Lacher im Publikum zu evozieren.

Der „kleine Totentanz“ erzählt in fünf Bildern die Leidensgeschichte der verarmten Elisabeth (mit achselzuckender Naivität: Annika Baumann), die sich wegen 150 Mark zu einer Notlüge gezwungen sieht und daraufhin nicht nur zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird, sondern auch Arbeit und ihren Geliebten verliert. Am Ende geht sie ins Wasser, während alle an der Tragödie irgendwie Beteiligten ungerührt zur Tagesordnung übergehen: der Leichenpräparator (Leon Ullrich), ihre Ex-Arbeitgeberin (als herrische Geschäftsführerin: Ursula Werner) und der Ex-Geliebte (anrührend stotternd, bevor er seine Kälte offenbart: Michael Klammer).

Unheimlich an diesem schnell ermüdenden Abend ist einzig das Geschick, mit dem der Regisseur seine Leidenschaftslosigkeit durch wahllose Griffe in den Setzkasten der Regiekonventionen kompensiert. Am Anfang kommt erst mal ein Gitarrist auf die Bühne, an dessen Schrammelakkorde alles Atmosphärische delegiert wird; zwischendurch müssen alle – wie üblich am Gorki – an der Rampe ein Lied singen. Und was macht die arme Elisabeth, als sie nicht mehr weiterweiß? Sie wirft sich – man hat das schon Dutzende Male gesehen – gegen eine Wand. Am Ende kommt jemand mit einer Torte auf die Bühne. Man fürchtet Schlimmes. Immerhin diesen billigen Reflex hat man sich verkniffen.

Wieder am 27. 10. und 26. 11.

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