Theater : Brecht Tabus

„Zornig geboren“ im Gorki-Studio: Darja Stocker entfacht in ihrem zweiten Stück einen Wirbel von Leidenschaft und stellt den Alltag in Frage.

Christoph Funke

Hat die Großmutter ihr Hörgerät im Ohr, damit man sie nicht anschreien muss? Dann beschwert sich eine Nachbarin über das Klavierspiel der alten Dame – es stört beim Lernen – das sind so Alltagsdinge. Darja Stocker entfacht in ihrem zweiten Stück „Zornig geboren“ jedoch einen Wirbel von Leidenschaft, der alles aus den Befestigungen reißt. Der Alltag steht infrage. Er taugt nichts, weil es Krieg auf der Welt gibt, Unterdrückung, Armut, Verfolgung.

Drei Frauen und zwei Männer wollen ihn aus den Angeln heben, durch revolutionäre Aktionen. Nach Erfolg fragen sie nicht, sie wollen die Gesellschaft umbauen, und wenn das Zerstörung fordert, umso besser. Eine Zuversicht treibt sie, die alle Bedenken missachtet – das Bestehende muss geändert werden, und wenn es das Leben kostet.

Darja Stocker bevorzugt in ihrem Stück die Frauen. Olivia, die Großmutter, arbeitete im besetzten Paris als Informantin für die Resistance, kam ins Konzentrationslager. Sophie, die Enkeltochter, lebt zeitweilig in Afrika, um Flüchtlingshilfe zu leisten. Mara ist Immigrantin aus Osteuropa, die in Deutschland ihr Glück sucht. Gemeinsam mit Sophie wird Mara, die Heimatlose, in die Zeit der Französischen Revolution zurückgeschleudert, verwandelt sich in die historische Figur der Frauenrechtlerin Olympe de Gouges. Ihr Begehren nach völliger Gleichberechtigung endete 1793 mit der Hinrichtung. In ihrem Testament heißt es: „Alle Rechte, auf die sich eine Frau, die höchstverdiente dieses Jahrhunderts, berufen kann, sind vergewaltigt.“

Mit diesem geschichtlichen Rückblick treibt Darja Stocker, 1983 in Zürich geboren, das Handeln und auch den Hochmut der Frauen in eine größere geschichtliche Dimension. Die Männer, Lehrer Benjamin und Maler Micha, suchen fiebrig nach Wurzeln, sie wollen Vergangenheit erforschen, um sich im Heute besser zurechtfinden zu können.

Schwer zu verstehen? Auf den ersten Blick schon. Aber alle Geschichten durchzieht ein heißer Atem. Aus der Missachtung des Vernünftigen holt die Autorin stolze Zuversicht und macht das Brechen von Tabus zum Abenteuer. Mag da Melancholie über das Nichtgelingen im Spiel sein, der Zorn triumphiert und der Spaß darüber, dass es diesen Zorn gibt.

Armin Petras, der das Stück im Studio des Maxim-Gorki-Theaters in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen inszeniert hat, gibt sich diesem Furor der Emotionen hin. Auf der Bühne (Ulrike Siegrist) gibt es stoffbespannte Rahmen und zu Türmen gestapelte Pakete aus Kanistern, nichts sonst. Den Spielern bleiben Raum und Zeit überlassen. Mit den Kostümen wird lustvoll gearbeitet, Figurenwechsel vollziehen sich blitzschnell, die ganze Welt ist ein Laboratorium. Hinreißend die drei Schauspielerinnen: Cristin König als Großmutter, spitz. Britta Hammelstein als Sophie, fordernd; Anja Schneider als Mara, stoisch. Zum Staunen, zum Wundern gibt es noch übergenug. Christoph Funke

Wieder am 8. und 19. 10, 20.15 Uhr

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