Theater : Das Glück, ein Scherenschnitt

Zwischen Welt und Wahn: Hans Neuenfels inszeniert in Essen Wagners "Tannhäuser". Die Botschaft? Selbst ist der Mensch!

Christine Lemke-Matwey
Tannhäuser
In der Mitte sitzt Scott MacAllister als Tannhäuser. -Foto: dpa

Die Frage ist doch: Was kommt nach dem Resümee? Der fulminante Neubeginn, Tabula rasa, alles auf Anfang? Oder doch bloß – aus Angst, Müdigkeit, Verzückung – die kreisende Gebetsmühle, ein Schwelgen im Fundus, die stete Verfeinerung der eigenen Schatten? Seine „Zauberflöte“ an der Komischen Oper, so hatte Hans Neuenfels 2006 versprochen, zöge die Summe aus 34 Jahren Regiearbeit. Entsprechend gut verstand sich die dort lückenlos versammelte Neuenfels’sche Bühnen-Entourage auf das krude Personal der Schikaneder’schen Vorstadtposse, entsprechend schwerelos flatterte und kicherte und kullerte das Mozart-Spiel. Die Botschaft? Das Glück ist der Augenblick, der Augenblick ist das Glück! Selbst ist der Mensch! Ein schöner, tröstlicher Abend.

Das Essener Aalto-Theater verlässt man weit weniger beschwingt und getröstet, und das hat auch (aber nicht nur) damit zu tun, dass dem frühen Wagner nicht zwangsläufig mit den gleichen ästhetischen Mitteln beizukommen sein dürfte wie dem späten Mozart: mit den üblichen Versehrten, Verrückten und grotesk Behörnten nämlich, mit elegischen Primadonnen (Elisabeth) und gefiederten Knäblein, mit holden Marien, falschen Mönchen, rastabelockten Hippie-Pilgern und mancherlei Tierischem.

„Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg“ von 1847 mag eine wichtige Station Wagners auf dem Weg zur künstlerischen Selbstfindung sein: Keine andere Partitur jedenfalls hat den Komponisten derart geplagt, keine entrang sich so mühselig seiner Hand. Im Gegensatz zur „Zauberflöte“ jedoch, jener surrealen Selbstfeier des Absurden, in der sich buchstäblich nichts mehr fügt, läuft dem „Tannhäuser“ vor Tatendurst geradezu das Wasser im Munde zusammen: Er will die große romantische Oper und damit sich selbst überwinden, jede Form verflüssigen, das Drama mit der Musik amalgamieren, allen Text Klang sein lassen und allen Klang Text. Die perfekte Hybris.

Rezeptionsgeschichtlich wird dies meist von hinten her gelesen, von der geglückten Wagner’schen Selbstverwirklichung her. Die Minnesänger, die zwischen der Brunst des Venusbergs und der prüden Wartburg über die wahre Liebe streiten (und natürlich über den wahren Glauben, die wahre Kunst, ja über die Kunst als das einzig Wahre überhaupt), schlagen gewissermaßen die Schneise, für „Tristan“, für den „Ring“ – und gelten damit als vorläufig und ästhetisch minderbemittelt. Dieser Perspektive verweigern sich Hans Neuenfels und sein Dirigent, Essens Generalmusikdirektor Stefan Soltesz, und das ist ein enormer Verdienst. „Tannhäuser“ als Trauma, als Dokument einer postpubertären Verwirrung, fiebrig, unausgegoren, Tradition halluzinierend, hier mit Arien und geschlossenen Ensembles (Hallenarie, Pilgerchor), da mit Erinnerungsmotiven und Epischem (Rom-Erzählung) jonglierend.

Schlank und rank ist der Klang, den Soltesz den Essener Philharmonikern entlockt, und dabei so wenig rhetorisch kurzatmig oder ideologisch über einen Leisten geschoren, dass man in der Tat viel lernt. Darüber zum Beispiel, dass keine Melodie, kaum ein Thema hier ohne kontrastierenden Schmerz auskommt, ohne etwas Nagendes, Ätzendes darin; oder darüber, wie unerhört subversiv die massige Wirkung des Pilgerchors sich entfaltet, wenn sich nicht schon die ganze Oper im Forte und Fortissimo suhlt. Der Hinweis im Programmheft auf Hitler und das „Sich-Selbst-Vergessen“ in Wagners Musik erübrigt sich somit.

Wer nie zuvor eine Neuenfels-Inszenierung gesehen hat, könnte nun wohl mit frischen, blanken Sinnen bestaunen, was Ausstatter Reinhard von der Thannen hier auffährt (in fabelhafter Machart übrigens, die Essener Werkstätten scheinen hervorragend in Schuss zu sein). Den Venusberg im Scherenschnitt. Eine Wartburg, die in froschigstem Grün mehr den deutschen Wald und Webers „Freischütz“ beschwört als esoterisches Kunstpriestertum. Eine rostige Zeche über einem Mini-Neuschwanstein, hinten das Alpenpanorama, vorne Richard Wagner und Ludwig II. im erotisch-ästhetischen Clinch – so das Entree zum Wettsingen im zweiten Akt. Und schließlich, fürs gute, böse Finale, eine psychiatrische Anstalt mit Wolfram von Eschenbach als Oberarzt: Musik könnte heilen, suggeriert das Lied an den Abendstern (sehr tapfer, trotz Bronchitis: Heiko Trinsinger) – und bleibt letztlich doch nur Wahn, Projektion, schnöde Weltflucht wie alle Religion und Philosophie.

Am Ende lässt Neuenfels, was er ebenfalls liebt, zwei Särge aufklappen, einen für die gestorbene Elisabeth (sehr anrührend im Timbre: Danielle Halbwachs), einen für Tannhäuser (durchdringend-markant: Scott MacAllister), und die gesamte Personage tritt an die Rampe: Pilger, Sänger, Choristinnen mit Dornenkronen und Wundmalen. Unter ihnen plötzlich eine kohlschwarze Terminatorfigur, „Ex“ steht in weißen Lettern auf ihren Brustkasten gepinselt. Sie bricht den Gottes-, respektive Pilgerstab, nichts Grünes sprießt, Tannhäuser bleibt unerlöst.

Die Botschaft? Selbst ist der Mensch! Das Glück ist der Augenblick, der Augenblick ist das Glück! Oder auch, wie Neuenfels es eingangs des dritten Aktes auf den Vorhang projiziert: „Es versöhnt, dass wir es miteinander ausgehalten haben.“ Mehr Leidenschaft – wie einst zu Verdi, wie jüngst zu Mozart – scheint Hans Neuenfels mit Wagner vorerst nicht zu verbinden. Ehrlich, aber wahr.

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