Theater : Das HAU und die Kunst der Fortsetzung

Akzentverschiebung statt Revolution: Die Belgierin Annemie Vanackere wird neue Intendantin des Hebbel am Ufer.

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2012 nach Berlin. Annemie Vanackere, 44, leitet bisher die Schouwburg in Rotterdam.
2012 nach Berlin. Annemie Vanackere, 44, leitet bisher die Schouwburg in Rotterdam.Foto: Bresadola/drama-berlin.de

Jetzt wissen also die freien Theaterschaffenden endlich, an wen sie den Brief adressieren müssen, wenn sie für Projektanträge mit ihrem liebsten Berliner Produktionspartner verhandeln wollen. Erst vor zwei Wochen hatte der Landschaftsverband der Freien Theaterschaffenden Berlins in einem offenen Brief gefordert: „Besetzt die Leitung des HAU neu“, weil die Bewerbungsfristen für 2012 gefährlich nah rückten. Nun ist es geschehen: Annemie Vanackere wird neue Intendantin des Berliner HAU, wie Kulturstaatssekretär André Schmitz am gestrigen Dienstag bekannt gab.

Die 1966 geborene Belgierin, die seit 15 Jahren in den Niederlanden lebt und seit 1995 die Rotterdamse Schouwburg leitet, wechselt zum September 2012 mit einem Fünfjahresvertrag nach Berlin und wird Nachfolgerin von Matthias Lilienthal. Der hat das HAU 1, 2, und 3 (Hebbel Theater, Theater am Halleschen Ufer und Theater am Ufer) 2003 neu gegründet und zu einer der erfolgreichsten Bühnen für die freie Szene entwickelt. Zum Bedauern vieler hört der 51-jährige Lilienthal nächstes Jahr auf eigenen Wunsch auf.

„Es ist schwer, Lilienthal nachzufolgen“, sagte Vanackere bei ihrer Vorstellung in Berlin, „aber jemand muss es machen.“ Es ist schwer – zumal Vanackere nicht mehr Geld zur Verfügung haben wird, wie André Schmitz gleich einräumen musste. Das Haus wird also auch weiterhin ohne eigenes Ensemble auskommen, auf Koproduktionen setzen und sehr viele Drittmittel eintreiben müssen – worin Matthias Lilienthal bekanntlich unschlagbar ist.

Vanackere ist also quasi zu Kontinuität verdammt, was ihr aber offenbar entgegenkommt. „Ich mag keine Revolutionen“, gesteht sie und kündigt stattdessen „Akzentverschiebungen“ an. Wie die aussehen werden, möchte sie zwar nicht sagen, aber man kann vermuten, dass das HAU unter ihr noch internationaler arbeiten wird.

Die internationale Vernetzung sei bei der Wahl der Leiterin sehr wichtig gewesen, betont beim Ortstermin im HAU 2 auch André Schmitz. Und die ist bei der neuen Intendantin tatsächlich beeindruckend. Wenn Lilienthal Weltmeister in der Drittmittelakquise ist, dann ist es die studierte Philosophin Annemie Vanackere wohl im Vernetzen! Als künstlerische Leiterin der Schouwburg war sie Mitgründerin eines niederländischen Theaternetzwerks, ihr Haus ist Mitglied des europäischen Theaterzusammenschlusses Next Step, das mit Theatern aus Brüssel, Bordeaux, Graz, Tallin und Lissabon kooperiert. Im Gemeinschaftsprojekt „Imagine 2020“ fragt das Ensemble zusammen mit dem HAU, Kampnagel in Hamburg, dem britischen Lift Festival und dem Bunker Theater in Llubljana nach der Aufgabe von Kunst in Zeiten globaler Erwärmung.

Mit dem HAU arbeitet die Schouwburg ohnehin regelmäßig zusammen; unter anderem hat Vanackere auf diese Weise Meg Stuart, Rimini Protokoll und Hans-Werner Kroesinger nach Rotterdam geholt. Sie mag hierzulande in der freien Szene eher unbekannt sein, in der europäischen Szene ist sie bekannt wie ein bunter Hund. Und eine Kandidatin ganz in Lilienthals Sinn. Vor fünf Jahren kam sie bereits in die engere Wahl, als es um die neue Leitung der Hamburger Kampnagel-Fabrik ging, bei der sich die Findungskommission von Lilienthal beraten ließ. Auch André Schmitz macht jetzt keinen Hehl daraus, dass Lilienthals Votum bei der Nachfolgefrage von einigem Gewicht war.

In einem konzeptionellen Punkt unterscheidet sich die künftige Chefin des Hauses allerdings von dem Noch-Intendanten. Im Gegensatz zu Lilienthal, der trotz oder gerade wegen seiner VolksbühnenVergangenheit ein sehr gespanntes Verhältnis zum Stadttheater unterhält, scheint Annemie Vanackere hier keine Berührungsängste zu kennen. Seit 2001 kuratiert sie das International Theatre Festival Rotterdam und lud nicht nur Réne Pollesch ein, sondern auch einen ganz klassischen Shakespeare des Stadttheaterregisseurs Christoph Marthaler.

Seit Matthias Lilienthal im Sommer 2010 bekannt gab, dass er seinen Vertrag nicht verlängern werde, kursierten etliche Nachfolge-Namen. Dass Annemie Vanackere, die keiner auf der Rechnung hatte, die Kooperation mit öffentlichen Bühnen nicht scheut – auch das ist eine gute Nachricht. Andreas Schäfer

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