Kultur : Theater, das toben will

SANDRA LUZINA

Eine Versammlung von triefäugigen Dorftrotteln wird zur Platonischen Familie. In jedem Bauern schlummert ein Philosoph, auch ein Esel ist zu Höherem berufen - dies suggerierte das Zentrum für Theaterpraktiken Gardzienice in "Metamorphosis". Die neunköpfige Schauspielerschar drängt durch ein Holzportal in den schmucklosen Innenraum der Matthäikiche. Nun ist kein Halten mehr: Dem Amen am Anfang folgen Lobpreisungen des Eros, Anrufungen des Dionysos. Bald ist alles Rufen, Singen, Stampfen, Wirbeln, Kreiseln. Woldzimierz Staniewski läßt mit Gardzienice nicht nur die osteuropäische Volkskultur wiederaufleben, er träumt sich zurück zu den Ursprüngen des Theaters. In "Metamorphosis" soll aus rekonstruierten antiken Gesängen und Textpassagen aus Platons "Phaidros" und den "Metamorphosen" des Apuleius ein modernes Bühnen-Mysterium entstehen. Indisches Harmonium, Cello, Trommeln und Zimbeln begleiten die Chor-Gesänge.

Die Frauen geben meist den Ton an, mit ihren wehenden Haaren muten sie wie rasende Mänaden oder verzückte Nymphen an. Das Hymnische und das Derb-Burleske sind verschwistert. Eine Holzstange wird zum Phallus und zum Kreuzbalken, der Gott des Rausches wird dem Gottessohn mit der Dornenkrone gegenübergestellt. Dieses Theater will die Tollheit. Es rast, unterbrochen nur von Ansagen, die vom Polnischen in ein apartes Englisch wechseln. Doch die Akteure spielen sich in einen Endorphin-Rausch hinein. Einleitend ist eine kunstvolle Rede über die Liebe als heilsamer Wahnsinn zu vernehmen, und so hält die kleine Schar von Schwärmern hier ihre Love Parade ab. Das Theater von Gardzienice mag ja ein Anachronismus sein. Aber es begeistert durch seine zeitgenössische Energie.

Bis 29. 6., 22 Uhr in der Matthäikirche

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