Theater : Der Kabuler Kreidekreis

200 Teilnehmer, 50 Stücke, kein einziger Schuss: Das Theatertreffen in Afghanistan zeigt, dass Kultur eine Waffe sein kann

Rüdiger Schaper[Kabul]

Ein Mädchen sitzt auf einem Teppich über seinen Hausaufgaben. Blickt ängstlich umher, als tue es etwas Verbotenes. Da stürzen sich, wie aus dem Boden gewachsen, zwei Gestalten auf die Kleine. Der Vater brüllt, der andere Typ schlägt auf sie ein, zertrampelt die Schulsachen. Ihre Schreie gehen durch Mark und Bein. Aber der Vater bestimmt, dass sie mit dem Taliban gehen muss.

Eine Tragödie in märchenhafter Umgebung. Die jüngst erst renovierte Karawanserei bei den sagenhaften Gärten des Königs Babur ist Schauplatz dieses Stücks, das Monira Hashimi „Cry of History“ nennt. Die junge Autorin und Regisseurin aus der alten Kulturstadt Herat im Westen Afghanistans erzählt von den Leiden der Frauen seit Zeiten. Und es sind Frauen, die ihre Unterdrücker darstellen, den primitiven Taliban, den feigen Vater. Die Hilferufe des Schulmädchens, gespielt von einer Neunjährigen, mit der Macht einer antiken Katharsis, sind noch nicht verhallt, als die Zuschauer aufspringen und leidenschaftlich Beifall klatschen. Bei der Verbeugung haben die Schauspielerinnen Tränen in den Augen.

Theater als Ort der Befreiung. Schon allein, dass Frauen überhaupt auf der Bühne stehen! Dass sie sich öffentlich artikulieren. Die sechs Tage des Theaterfestivals von Kabul – eine positive Erschütterung. Bilder aus einem Land, dem die Taliban eine Fratze aufsetzten. Und aus dem man immer noch nur eine Sorte Bilder bekommt: Militärkonvois, Tote. Eine kurze Begegnung noch mit den Frauen aus Herat, die an ihrer Mädchenschule zum Theaterspielen gefunden haben, dann drängen die bewaffneten Aufpasser, die bei jeder Veranstaltung herumstehen, höflich zum Aufbruch. Über der afghanischen Hauptstadt klebt der volle Mond. Es ist kurz nach acht Uhr, spät für Kabuler Verhältnisse, die Menschen ziehen sich in ihre Häuser zurück.

Die Fahnen am Flughafen hängen auf Halbmast. Am Tag zuvor starben drei britische Soldaten durch friendly fire der US- Airforce. Deutsche Feldjäger werden eine Woche später Glück haben und einem Selbstmordattentäter entkommen. Dass dabei zwei afghanische Zivilisten getötet werden, wird in den internationalen Nachrichten kaum eine Rolle spielen. Die Beurteilung der Sicherheitslage in Kabul hängt davon ab, ob und wie die Medien berichten und welche Medien man verfolgt. Die aktuelle Titelgeschichte von „Kabul Weekly“: neue Mohn-Rekordernte!

Ausländer fliegen über Dubai oder Delhi ein. Der gängige Ratschlag: Man soll sich nur im Auto bewegen, nicht zu Fuß gehen in Kabul, und wer es sich leisten kann, wohnt im Serena Hotel. Die Aga Khan Foundation hat vor zwei Jahren diese elegante Anlage im Zentrum eröffnet – eine Oase, ein Hochsicherheitstrakt. Hier wurden die koreanischen Geiseln nach ihrer Freilassung versorgt.

In den Straßen wimmelt es von dicken SUVs, sie schieben sich im dichten Verkehr von einer Botschaftsfestung zur nächsten Regierungsschanze. Die Alltagsszenerie von Kabul strahlt etwas Mittelalterlich-Feudales aus, um die Trutzburgen mit Stacheldraht, MG-Türmen und Betonsperren ziehen sich die Wohngebiete der Vier-Millionen-Stadt die Berge hoch, bis auf über 2000 Meter. Mehr Hütten als Häuser, meist ohne fließend Wasser und Strom. Direkte Spuren des Kriegs, der jetzt in den Provinzen geführt wird, sieht man in der Hauptstadt kaum. Vor ihrem Botschaftsgebäude, hinter Mauern und Absperrungen, die einen halben Stadtteil umfassen, haben die Amerikaner ein zerborstenes Fahrzeug aufgestellt, als Memento Mori für die eigenen Leute. Manchmal schlagen nachts in der Stadt Raketen ein. Altbestände aus dem Bürgerkrieg, die weg müssen: schwarzer afghanischer Humor.

Plötzlich ein Stau, Polizisten mit Schlagstock und Schild laufen auf die Kreuzung. Weiter hinten kommt ein Demonstrationszug zum Stehen. Einige hundert ehemalige Mudschaheddin protestieren, weil die Regierung sie nicht in ihre Dienste nehmen will. Versammlungsfreiheit, Demokratie – vielleicht.

Afghanen und Mitarbeiter der NGOs, die sich in Kabul tummeln, haben die ewigen Geschichten von Entführungen, Anschlägen, Militäroperationen satt. Sie fühlen sich in ihrem Engagement, in ihrer Aufbauarbeit, die wiederum auch nicht ungefährlich ist, ignoriert. Man hört es bei jeder Gelegenheit: Kommt nach Kabul, schaut euch um, es gibt so viele andere Geschichten zu erzählen. Friedliche Geschichten, die vom Fortschritt handeln, mag er auch noch so quälend langsam und bedroht sein.

Das Theaterfestival von Kabul, im vierten Jahr und stetig wachsend, gehört dazu, an erster Stelle. Allein die Zahlen sagen: Hier ist etwas in Bewegung, was den Horror der Taliban und Warlords kontrastiert. Über 200 Teilnehmer, über 50 Stücke, ein halbes Dutzend Spielorte. In einer unwirtlichen Stadt ohne halbwegs stabile Infrastruktur ist das schon logistisch eine sensationelle Leistung.

Und keine Rede von Zurückhaltung und Zensur. Terror, Korruption, Polizeiwillkür, arrangierte Ehen, Armut, Arbeitssuche: Es fehlt den meist improvisiert wirkenden Aufführungen nicht an Themen. In überfüllten, stickig heißen Sälen nehmen Studenten und Künstler die Freiheit beim Wort, die von den Isaf-Soldaten so mühevoll und verlustreich geschützt wird. Wer solche Abende erlebt, den Kulturhunger der Kabuler, mag an den Sinn des internationalen Einsatzes glauben. Mit brennender Passion gehen die Theatergruppen auf die Bühne, archaische Kraft des Dramas bricht sich Bahn, Bewusstwerdung des Individuums im klassischen Sinn.

Ohne das Goethe-Institut Kabul und seine Leiterin Lien Heidenreich wäre es nicht möglich. Die deutsche Kulturvertretung gehört, mit dem British Council und dem Institut Francais, zu den wichtigsten Sponsoren. Dabei geht es weniger um Materielles als um persönlichen Einsatz. Kultur in Kabul, das verlangt so viel Mut wie Fantasie, Zähigkeit und Geduld. Generalsekretär Hans-Georg Knopp kam zum Festival, um zu zeigen, dass es dem Goethe–Institut ernst ist mit der Präsenz an einem problematischen Ort wie Kabul. In Deutschland gewinnt derweil die Debatte um den Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch an Schärfe.

Lien Heidenreich, 29 und seit zwei Jahren in der afghanischen Hauptstadt, hat aus Berlin die Choreografin Helena Waldmann mit ihrem Stück „Return to Sender“ eingeladen; die einzige ausländische Produktion des Festivals und einer der Höhepunkte. Helena Waldmann hat in Ramallah und Teheran gearbeitet, sie versteht ihr Theater als Einsatz in Krisengebieten, sie und ihre Mitarbeiter gaben auch in Kabul Workshops. Waldmanns Tänzerinnen, alle ursprünglich aus Iran – sie konnten das afghanische Publikum, das Farsi versteht, direkt ansprechen – erzählen in „Return to Sender“ vom Exil. Und das geschieht mit ungeheurem körperlichen Einsatz, sie stecken wie Nomaden in Zelten, die Bühne ist ohne weiteres als Flüchtlingslager, als Kampfplatz psychischer Qualen zu begreifen. Leiden an der Fremde. Und eine umwerfende Lebensfreude. Der Saal kocht.

Im zweiten Teil der Vorstellung werden die Zuschauerinnen zum Gedankenaustausch backstage gebeten: Die Afghaninnen stürmen die Bühne in Sekunden! Die Männer bleiben sitzen, bis man sich auch ihrer annimmt. Die Realität draußen ist fürchterlich genug, aber sie kann solche Wunder nicht negieren. So wie es sich an einem anderen Abend bei der Aufführung des „Kaukasischen Kreidekreises“ vom Aftaab Theatre Kabul ereignet. Der iranische Regisseur Arash Absalan hat Brecht mit berstender Vitalität inszeniert und mit einer Schauspielerin, die im Kampf um ihr Kind das Publikum mit revolutionärer Energie aufpeitscht. Auch wenn man auf der Straße noch Frauen unter der Burka sieht – drinnen sind es Schauspielerinnen, die einen neuen Ton anschlagen.

„Wann immer sich ein kleines Fenster öffnet, er versucht es zu schließen.“

Er. Für Kultur- und Informationsminister Karim Khurani finden Künstler und Intellektuelle in Kabul kein gutes Wort. In ihren Augen ist er ein Kulturverhinderer in der Regierung des charismatischen, aber zunehmend machtlosen Präsidenten Karsai. Khurani, ein bulliger Typ in der traditionellen Paschtunentracht, gehört zur Partei des berüchtigten Warlords Hekmatjar. Der beschoss die Hauptstadt während des Bürgerkriegs. Khurani, gewiss keine ungewöhnliche Politikerkarriere in Afghanistan, saß in Zeiten sowjetischer Besatzung im Gefängnis, wurde gefoltert und nach dem Abzug der Roten Armee wieder in Haft gesteckt. Er trägt Spuren von Verbrennungen, Folge eines Attentats.

So viel verfluchte Vergangenheit lastet auf dem Land, und es scheint, als benutzten die Führungsschichten die Tradition nur dazu, die Menschen von einer Entwicklung zum Besseren auszuschließen.

Kulturarbeit, die diesen Namen verdient, liegt ganz und gar in den Händen privater Organisationen wie der „Foundation for Culture and Civil Society“ und dem „Afghan Culture House“, das Vertriebswege für Schriftsteller und Musiker erschließt. „Kulturleute haben keine politische Macht, und die, die Macht haben, interessieren sich nicht für Kultur. Da gibt es nichts zu verdienen.“ So hört man es in der Theaterfakultät der Universität Kabul – dem einzigen Ort, wo regelmäßig Aufführungen außerhalb des Festivals stattfinden. Das Nationalmuseum haben die Taliban zerstört, samt Inhalt.

Das Theaterfest Ende August war ein ersehnter Regenguss auf ein ziemlich heißes Pflaster.

Kabul, staubige Stadt. Wenn am Nachmittag der Wind über die Berge kommt, von dort, wo Khaled Hosseinis Bestseller vom „Drachenläufer“ spielt, legt sich sogleich eine dünne, zähe Schicht auf Menschen und Dinge. Die Stadt mit ihren einstöckigen, wie abrasierten Häuserzeilen weist den Besucher ab, jenseits aller Sicherheitsbedenken. Aber hinter abgeblätterten Mauern und windschiefen Toren liegt manchmal ein kleines Paradies.

In einem Fort, das der afghanischen Königsfamilie gehört, residiert Rory Stewarts „Turquoise Mountain Foundation“. Der Schotte, Ex-Diplomat und Schriftsteller vom Schlage eines Robert Byron oder Bruce Chatwin, hat eine Art Bauhütte eingerichtet. Hier arbeiten Meister der Kalligrafie, Drechsler, Töpfer, und Stewart lässt Häuser in der Altstadt renovieren in der traditionellen Lehmarchitektur. Er ist einer der Besessenen, ohne die sich in Kabul nichts ändern wird. Nach dem Sturz der Taliban ist er 2002 allein durch Afghanistan gewandert und hat darüber ein Buch geschrieben, „The Places In Between“, es erscheint jetzt auf Deutsch.

Stewart, ein sanfter Kolonisator in einem Land, das noch alle Kolonialmächte abgeschüttelt hat, schafft wunderbare Kunstgegenstände und Arbeitsplätze. Er will Afghanistan zurückgeben, was die Geschichte Afghanistan genommen hat. Im Übrigen lehnt er eine Verstärkung der internationalen Truppe ab. Die Menschen, sagt er, sind zu stolz. Stolz wie die Dame, die durch die Ruine des im Bürgerkrieg zerstörten Nationaltheaters von Kabul schreitet, eine Königin ohne Thron. Die Intendantin Shah Ghiasi ist zurückgekehrt, nach zwei Jahrzehnten Exil in den USA. Anfangs hat sie in den noch intakten Büroräumen hinter der Bühne gewohnt, da wurde es ihr unheimlich. Sie hat kein Ensemble und kein Dach mehr über ihrem Theaterpalast. Sie glaubt fest an den Wiederaufbau.

Einst war sie eine berühmte Schauspielerin. Nun steht sie, klein und gebieterisch, auf dem Teppich in der Karawanserei, sie ist gekommen, um ein Grußwort für das Festival zu sprechen. Sie sagt: „Vor fünfzig Jahren habe ich den Schleier abgelegt. Nun ist es an euch.“

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