Kultur : Theater: Der Krieg von gestern

Peter Laudenbach

Zur Rhetorik dieser Tage gehört es, angesichts der politischen Lage die Unangemessenheit von Konzertbesprechungen, Literaturrezensionen oder Theaterkritiken zu konstatieren: Wie kann man Mozart hören oder Robert Gernhardt lesen, wenn gerade ein Krieg ausbricht. Wie könnte man eine Tragödie auf der Bühne angesichts der Tragödie in New York noch goutieren, welche Komödienfröhlichkeit würde jetzt nicht degoutant wirken. Aber weil die Konzerte und die Theateraufführungen weiter gehen und weiter besprochen werden wollen, rücken sie zwangsläufig in den Kontext des Krieges. Viele Kunstwerke halten das erstaunlich gut aus. Anderen Veranstaltungen bekommt der sich zwangsläufig einstellende Assoziationsraum schlechter. Sie wirken nur noch auf diffuse Weise überflüssig. So ein Ereignis ist die Berliner Premiere von Thomas Ostermeiers Inszenierung "Supermarket" in der Schaubühne.

Schon bei der Uraufführung dieses neuen Stücks von Biljana Srbljanovic bei den Wiener Festwochen (siehe Tagesspiegel vom 18. Juni) wurde Ostermeiers Inszenierung eine gewisse Flachheit attestiert. Heute wirkt sie angesichts des heraufziehenden Krieges in ihrer selbstverliebten Trash-Komik obszön und leer unter der grellen Oberfläche: mehr Effekt als Reflexion. Das wäre nicht weiter schlimm, würde Ostermeier nicht so selbstgewiss einen politischen Anspruch geltend machen - und würde das Stück nicht seine simple Farcen-Mechanik mit sehr abgestandener Medienkritik und der Behauptung überfrachten, das Bild einer verwahrlost traumatisierten Gesellschaft zu zeichnen.

Man erinnert sich an einen anderen Krieg - und daran, dass die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic ihren Erfolg auf westeuropäischen Bühnen den Stücken verdankt, die sie als Reaktion auf den jugoslawischen Bürgerkrieg geschrieben hat. "Familiengeschichten. Belgrad" oder "Belgrader Trilogie" waren robust gebaute Zeitstücke, die aus dem Inneren der Katastrophe zu berichten schienen und den Theatern erlaubten, den immer gleichen Fernsehbildern andere Szenen vom Leben in Belgrad entgegenzusetzen. Srbljanovic galt zu Recht als eine künstlerische Sprecherin des demokratischen, von der Diktatur gegängelten Serbiens. Ihr neues Stück, und erst recht Ostermeiers auftrumpfende Comic-Inszenierung, lassen von der einstigen Bedeutung der Dramatikerin wenig ahnen.

Srbljanovics "Supermarket", die Autorin nennt es im Untertitel eine "soap opera", scheint zunächst von Verstörten und Überdrehten zu handeln. Ein eitler Lokaljournalist (lustvoll komisch: Gerd Wameling), ein ehemaliger Dissident, der jetzt ein hysterischer Wichtigtuer und Schuldirektor ist, eine neurotische Turnlehrerin, eine Schülerin, die nicht weiß, wer sie geschwängert hat und ein Mitschüler, der auf den Strich geht. Aber schnell wird klar, dass die Seifenoper nicht von diesen Verwirrten und Aufgekratzten handelt. Sie handelt von gar nichts als vom hysterisch beschleunigten Leerlauf. Das Stück variiert das Muster aus dem Film vom ewig grüßenden Murmeltier: Der zunehmend durchdrehende Schuldirektor (Falk Rockstroh) erlebt immer wieder den selben Tag.

Srbljanovic, die früher erfolgreich Drehbücher für eine populäre Soap des jugoslawischen Fernsehens geschrieben hat, stürzt ihre Figuren ironisch in ein Stakkato von Klischee-Situationen: Wer hat wen mit wem betrogen, wer ist von wem schwanger, ist der Journalist schwul und wird sich der Lehrer Mayer scheiden lassen um mit der Lehrerin Müller glücklich zu werden? Das wird durch die Figur des Pseudo-Dissidenten gebrochen, so dass die Mediensatire zu einer Art Zivilisationskritik an westlichen Konsum-Gesellschaften mutiert. Als wäre die Fernseh-Dramaturgie nicht deutlich genug, flimmern in der Schaubühne schnell geschnittene Werbespots über die Leinwand neben der Bühne. Der wird erreicht, wenn die Pferde aus der Marlboro-Werbung zur "Bonanza"-Musik mit pornographischer Reklame für Telefonsex-Nummern collagiert werden. Wenn das keine vernichtende Analyse des Konsum-Terrors ist!

Ostermeier gibt sich größte Mühe, die Schablonen des Stücks rasant auszustellen. Das führt zu einer Spielweise, die man in dieser augenzwinkernden Überdeutlichkeit sonst nur vom Grips-Theater kennt. Und wie dort steht auch in der Schaubühne ein optimistisches Lied am Ende der Aufführung. Der große Unterschied zum Grips-Theater liegt allerdings nicht in der für Kindertheater ungünstigen Uhrzeit der Aufführung, sondern in der Abwesenheit von Charme, Intelligenz und künstlerischer Raffinesse.

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