Theater : Der Narr im Haus

Peter Konwitschnys "King Lear" in Graz: Im Mittelpunkt der fast jugendlich weiche, selbstverliebte Udo Samel, ungemein eindrucksvoll, in seiner Komödiantik unheimlich und dennoch nie falsches Mitleid erregend.

Bernhard Doppler
Samel
Udo Samel als Lear. -Foto: dpa

An Faschingsumzügen vorbei muss man sich den Weg zur Premiere von Shakespeares „König Lear“ bahnen. Im Grazer Schauspielhaus wird man am Dienstag die Narren nicht los. König Lear (Udo Samel), bewaffnet mit einer Trompete, inszeniert seine Machtaufgabe und die Liebesbeweise seiner Töchter als Kaspertheater, alle möglichen Einwände trompetet er weg. Seinen Ruhestand – frei von politischen Verpflichtungen – stellt Lear sich vor allem fidel und mit reichlich Alkohol vor. Mit einem Karren Bier zieht er mit johlendem Gefolge durchs Land, um sich bei seinen Töchtern einzuquartieren. Kein Wunder, dass die dem Vater die Tür weisen wollen. König Lear, ein eitler Jeck und Narr!

Man hat es fast übersehen: Peter Konwitschny hat zwar immer wieder alte Inszenierungen aufgefrischt, aber einen neuen Beitrag zum Musiktheater hat er schon seit vier Jahren, seit „Elektra“ in Kopenhagen, nicht mehr geliefert. In den letzten Monaten ist Konwitschny allerdings fast täglich ins Schauspielhaus Graz gegangen und hat das Logentheater mit seinen drei Rängen gründlich kennengelernt. Sein „König Lear“ spielt zunächst im Zuschauerraum; ein Steg führt zu einer Leiter in den ersten Rang, während Teile des Publikums auf der Drehbühne Platz nehmen. Wenn sich der von seinen beiden Töchtern vor die Tür gesetzte König Lear mit Sturm und Ungewitter identifiziert, demoliert er dabei die ersten Reihen und reißt die Plüschstühle aus der Verankerung, sein Gefolge verweist die betroffenen Zuschauer auf andere Plätze.

Das Theatergebäude selbst als Handlungsort des Dramas: In Graz hat Peter Konwitschny das bereits in zwei exemplarischen Opern-Inszenierungen vorgeführt. Im klaustrophobischen Schlussakt von „Aida“ öffnete er die Bühne über die Brandmauer hinaus auf die Straße, und bei Verdis „Falstaff“ ließ er die Bühne während der Vorstellung abreißen, um zu suggerieren, es sei die letzte Theatervorstellung vor der Umwandlung des Hauses in ein Freizeitcenter.

Ein Schauspiel-Newcomer ist Konwitschny indes nicht. In den 70er und 80er Jahren hat er Ruth Berghaus am Berliner Ensemble assistiert, hat dann auch selbstständig inszeniert. Vieles ist freilich – wie die Konwitschny-Biografie von Frank Kämpfer anführt – in der DDR nicht realisiert worden, unter anderem 1986 ein „König Lear“ am Landestheater Halle. In Graz wird der Text (in der poetischen Übersetzung von Werner Buhss) wie eine Partitur fast ohne Striche ernst genommen und akustisch präzise instrumentiert: von Lears Trompetenstößen über den Grölgesang seiner Anhänger bis zu melodramatischen Stellen. Doch Mitautor des Textes ist Konwitschny als Schauspiel-Regisseur nicht, sieht man davon ab, dass der Narr (sehr zurückgenommen: Otto David) einmal auf Karl Marx hinweist, der das ganze menschliche Schlamassel beschreibe. Sonst steht alles bei Shakespeare.

Das Grazer Ensemble hat sich unter der Intendantin Anna Badora in den letzten beiden Spielzeiten in Österreich in die erste Reihe gespielt: sei es die weinerlich resolute Goneril (Friederike von Stechow), der jugendliche Bastard Edmund (Jan Thümer) oder der in der Verkleidung zum Volksschauspieler mutierende Graf von Kent (Gerhard Balluch). Im Mittelpunkt der fast jugendlich weiche, selbstverliebte König Lear von Udo Samel, ungemein eindrucksvoll, in seiner Komödiantik unheimlich und dennoch nie falsches Mitleid erregend. „I am Lear“ hat er sich als Schild am Ende umgebunden, als ob er selber nicht mehr wüsste, was ein König, was ein Mensch ist und was er angerichtet hat.

Nach der Pause wird umgebaut. Eine kahle Guckkastenbühne, als Mobiliar nur ein Stuhl. Die Blendung Glosters, zuvor eine gruselige Theater-Moritat, ist nun moderne Folter. In schwarzen Anzügen agieren die Darsteller wie in einem Gangsterfilm. Videoeinspielungen auf den Wänden überlappen die Bühnendialoge. Schließlich noch ein Wechsel: Nicht schwarz, sondern im Alltagsgewand kommen in der Schlussszene alle auf die Bühne und setzen sich auf das Zuschauerpodest. Mit langen Pausen spricht jeder sehr leise den Text des blutigen Finales, bei dem fast niemand überlebt. Aschermittwoch. 

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