Kultur : Theater: Der Rest sind Masken

Mirko Weber

Horch, wie der von draußen rein kommt! Ein paar Celloclusterklänge wehen dem Mann voraus, der enge schwarze Rock fliegt weit auf. Schon streckt sich sein Zeigefinger, und das Kinn ist eine einzige scharfe Kante. Dann lässt er sich fallen, immer mit dem Rücken zur Wand, es gibt eh nicht viel anderes als Wände auf dieser Bühne hier, ein sprechendes Bild. Und mit jeder Falte, die sich beim Reden in seinem Gesicht tiefer und tiefer verfurcht, kommt die schaurige Komödie vom "Kaufmann von Venedig" ein großes Stück Richtung Deutlichkeit voran. War es nicht immer so, wenn dieser Mann eine Tür auf dem Theater aufgemacht hatte, dass gleichzeitig etwas Frisches in den Raum drang, kühl und klar wie die Erkenntnis selber? Doch der Schein trügt.

Der große Schauspieler Thomas Holtzmann betritt das Münchner Residenztheater mit einem Schwung, als wolle er es mit links in Besitz nehmen, aber damit ist schon ziemlich viel ausgeschöpft. Holtzmann kann mit sich selber spielen, wenn ihn die Szene nicht fordert, und das tut er dann auch, je länger, je mehr. Er blättert inwendig im Katalog und probiert Posen, die manchmal zum Fürchten sind und manchmal zum Weinen, zum Lachen: zieht Schmollgesichter, setzt Entgeisterungsmasken auf und versteckt sich hinter Entsetztheitslarven. Es ist, als wolle sich Holtzmann nicht recht zu erkennen geben an diesem Abend. Es ist, als traue er der Sache nicht so ganz, wie sie gerade verhandelt wird.

Dabei ist der Regisseur Dieter Dorn (Holtzmanns neuer, alter Intendant) Dieter Dorn geblieben: ein Mann mit der Liebe zum Detail, ein Mann mit langem Atem, ein Mann mit Geschmack. Seit der Shakespeare-Premiere arbeitet er endgültig nicht mehr in den städtischen Kammerspielen, wo demnächst Frank Baumbauer eröffnet, sondern im staatlichen Residenztheater. Ist nicht fast alles noch so, wie es immer war?

Dieter Dorn tut so. Aber als er die Flasche mit dem guten (Dramaturgen-)Geist vorsichtig entkorkt, bemerkt man bald, wie schnell verfliegt, was früher oft dauerhaft in der Luft lag: Spannung. Dorns Beginn im viel größeren Haus wirkt wie ein Stillstandseinstand. Das liegt nicht unwesentlich an der Ausstattung von Jürgen Rose, der den Raum bis auf die weiße Brandmauer aufgerissen hat und davor Theatertransportkisten lagert: Venedig in edel-schäbigem Schwarz-Weiß. Mitten drin stehen die Kästen als Kubus-Stapel: Das ist Belmont, Portias Landsitz. Aus diesem Aufbau purzelt schöner Theaterplunder (mal ein Tiger-Bettvorleger, mal der Marroko-Prinz: Jörg Hube, ein Sarotti-Mohr). Mehr nicht.

Shakespeares Drama, das vordergründig die Liebe verhandelt, während es dauernd mit dem Hass beschäftigt ist, zeigt Dorn nicht wirklich als Schauspiel. Er will seine Schauspieler zeigen. Sollen die anderen das Theater zertrümmern, er hält es noch zusammen. Es gilt das gesprochene Wort. Der Rest sind Masken. Wer aber ist der Kaufmann hier, der am Anfang sein Leben verpfändet hat, und wer der Jude, der am Ende sein Leben endgültig verpfuscht haben wird? Dorn hat dafür eine zu einfache Antwort: der Kaufmann Antonio ist Thomas Holtzmann, und der Jude Shylock ist Rolf Boysen, das alte Traum- und Albtraumpaar der Kammerspiele. Sie wirken, als spielten sie wieder einmal ihr letztes Spiel. Der Rest (Jessica und die anderen) geht sie nichts an.

So sieht das auf der Bühne auch aus: Alles und jeder, auch die genaue Kabinettstückspielerin Sibylle Canonica als Portia, gibt lediglich den Hintergrund ab für den traurigen Mann mit der Aktentasche (Shylock) und den trotzigen Kerl mit den Händen in den Hosentaschen (Antonio). Zwei Männer in Schwarz, und wenn sie näher kommen, wie der dem Untergang geweihte Stier und sein Matador, sieht man zwei Granden Funken sprühen. Manchmal fallen die Funken einfach zu Boden, schnell verglühend. Ein anderes Mal aber, vor Gericht, vermischen sie sich auch in der Luft, und man sieht, wie noch einmal Energie frei wird zwischen zwei Menschen, die eigentlich müde sind. Dann knistert es. Kurz. Und vorbei.

Jeder will nur noch das Ende, und als Shylock das seine achselzuckend akzeptiert hat, bleibt Antonio praktisch den ganzen letzten Akt lang nur nachdenklich und zerrissen auf der Bühne stehen. Dass er auf Kosten des anderen noch einmal davongekommen ist, bedeutet ihm schon nichts mehr. So zerfallen vier Stunden Shakespeare: Jeder stellt aus, keiner stellt wirklich dar, und das Münchner Publikum spiegelt die szenische Unentschiedenheit, wenn es etwas unentschlossen die Hände rührt.

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