Kultur : Theater: Der Tod ist eine Baustelle

Ulrich Deuter

Ein Paar, Dor und Lux, das sich in Hotelzimmern trifft, sich streitet, sich trennt. Ein Mann, Castou, der durch den Großstadtdschungel streift, die Frau vor dem Sprung vom Parkhausdach bewahrt. Ein Vierter, Dufin, der Castou bezichtigt, die Frau hinunter gestoßen und ihren Freund erstochen zu haben. Eine Baugrube, in die hinab diese Geschichten erzählt werden.

Albert Ostermaiers neuestes Stück "Es ist Zeit. Abriss" ist ein Gedicht zu vier Stimmen, die wie in "Rashomon" nacheinander ihre Geschichte erzählen. Mehr noch aber ist es ein Gedankenstrom, den der Autor mit dem Floskelrechen aus der Alltagsrede geharkt hat, ein Sound von Großstadteinsamkeit, Paar-Tristesse, Zigaretten und Bier. Grundiert mit dem unscharfen Bass der Anspielung auf das mythische Dioskuren-Paar Castor und Pollux, die abwechselnd unsterblich sind und auf der Erde wandeln. Ostermaier, Jahrgang 1967, hat als Lyriker begonnen und ist Lyriker geblieben, seine Stücke berühren die Grenze dessen, was das Theater inszenieren kann.

"Abriss" erzählt vom Ende ("du fin"): einer Liebe; vielleicht eines Lebens; eines Gebäudes, das vielleicht ein Theater war. Und es ist nur der Abriss einer solchen Erzählung, vieldeutig, undramatisch, unmöglich zu inszenieren. Und hier nun ist Matthias Hartmann am Bochumer Schauspielhaus ein kleines Wunder geglückt. Abgesehen von einigen überflüssigen ironischen Distanzierungen vom Text gelingt es seiner Regie, dem Unwirklich-Wirklichen des Ostermaier-Sounds einen Ort zu geben, der dessen Schwebe bewahrt, das Kopfinnenweltliche keiner schnellen Konkretion zu opfern und doch die Monologe des Textes in eine Dramatik zu versetzen, die träumerisch bleibt und saugend weiter zieht. Kongenial ist dabei Volker Hintermeiers Bühne. Vier Stühle stehen in einer Reihe, Platz für die Schauspieler, die vor sich auf Notenständern den Text liegen haben. Hinter ihnen eine bühnenhohe Wand, zwei Reihen halb durchsichtiger Felder, die zu öffnen sind und auf die von hinten Projektionen geworfen werden: Videofetzen, die aus dem Off wie aus der Grube hinter den Stühlen aufgenommen werden. Verwischte Illustrationen - Park, Parkhaus, Hotel -, stille Assoziationen, die sich so nahtlos mit dem Spiel verbinden, wie man es selten im Theater sieht. Das ist viel und wäre wenig, wenn das Bisschen an Aktion, das hier möglich ist, nicht von Schauspielern zum Leben erweckt würde, die in der Beschränkung höchste Kunst entfalten.

Es scheint, als hätte Hartmann ihnen den Text wie einen Berg Kleider hingelegt, aus dem sie sich bedienen können. Mal spricht Einer und die anderen schauen abwartend zu: eine Theaterprobe. Mal entsteht sacht szenische Assistenz, Mitspiel, einvernehmendes Geschehen. Dann durchschreitet Dor die Wand und vermischt ihre halb unwirkliche Erscheinung drüben mit den Videobildern, liegt Lux riesengroß als Filmbild im Hotelbett und schaut auf Dor, die vorn mit ihm spricht. Was ist live, was Bytes?

Was Schauspielkunst ist, aber ist fraglos: die Vielgestalt, die Jürgen Rohe dem Castou verleiht, jenem Störenfried, Mädchenretter oder Mädchenmörder, jener mythischen Figur, die den Menschen Baugruben gräbt. Lux (Maik Solbach) ist nur ein durchschnittlicher Poseur junger Männlichkeit, Dor (Lena Schwarz) eine Geh-weg-komm-her, die hysterisch um ihre leere Mitte flattert, Dufin (Ernst Stötzner) der traurig über allem Schwebende, dessen Kopf zuletzt wie tot auf Castous Schoß gebettet ist. Rohes Castou aber ist der nagende Gedanke, der Wirklichkeit werden will: Halb Faun, halb Frührentner, betrunken schwankend oder von unmenschlich gefährlicher Hellsicht, saugt er aus dem Text jede erdenkliche Nuance.

In Bochum stellt Lux sich vor, dass die Baustelle zur Megaparty würde, auf der der DJ mit dem Kran auf den Dächern scratcht. In Düsseldorf, einen Tag später, werden echte Scheiben aufgelegt. Dort hat Igor Bauersimas "Launischer Sommer" seine Uraufführung, und der DJ "Abbé" legt die Seiten A und B gleichermaßen gern auf. Drum & Bass ist gewissermaßen das Ostinato dieses Stücks: tieftönende Weltgedanken, in wummernder Einfalt drei Stunden lang laufen gelassen. Dabei gibt es auch schöne Momente, wir befinden uns nämlich in einem Freibad am Fluss, und der ist von Bühnenbilder Bauersima durch zwei Dutzend tuchbespannte Quader mit schmalen Durchgängen dargestellt, auf denen glitzernde Wasserprojektionen wabern. Zwischen den Quadern gleiten die Menschen schwimmend dahin, der Bademeister Anton (Michael Fuchs), seine Frau Katharina (Julia Grafflage) sowie die Freunde "Abbé" (Stefan Schuster) und "Major". Leider plaudern sie ununterbrochen "über abstrakte Dinge", ob im Wasser oder an Land, und fließt der Fluss auch sanft, die Sprache wallt geschwollen.

Redewendungen werden auf den Rücken geworfen, wo sie dann unsinnig zappeln, Lebensweisheiten gewuchtet und halbhoch fallen gelassen, der launische Sommer vergeht als ein einziges Philosophieren in der Jugendküche: Nichts ist verlässlich, alles relativ. Oder, wie Arnoldo sagt: "Die Zeit vergeht, es steht nicht in meiner Macht, sie aufzuhalten." Wir wollen nicht hoffen, dass Bauersimas Vorlage, ein vergessener Roman des 1942 von den Nazis erschossenen tschechischen Autors Vladislav Vancura, genauso geschwätzig ist. Ein wenig hofft das Stück, der Equilibrist Arnoldo und seine Anna, die im Städtchen ihr Seil aufspannen, könnten eine andere Sicht auf die Dinge werfen, spielt mit der ehedem beliebten Idee, das Artistentum könne Metapher für die Lage des Künstlers sein. Doch mehr als ein wenig Anbändelei kreuz und quer will aus der Begegnung mit den Fremden nicht werden.

Zwar ziehen hinten auf einer Operafolie die Wolken sehr schön, spielt Anna (Birgit Stöger) allerliebste Glasharfenmusik, ist der Major (Christoph Luser) ein Nachwuchs-Delon von rauher Erotik, ja sind überhaupt die Schauspieler beinah ausgezeichnet. Doch der Groove will sich auch dadurch nicht einstellen, dass das Strandbad zum Club erklärt wird, wo Bademeister Anton zu Lounge-Abenden lädt. Das Papier steht dagegen, das alle Figuren reden, die epische Distanzierung, mit der sich vor allem Katharina nervtötend vor die Handlung stellt. Der in früheren Stücken wunderbar flüssige Autor Bauersima hat den ansonsten sehr schwimmfähigen Regisseur Bauersima diesmal unter Wasser gedrückt.

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