„Theater der Welt“ in Hamburg : Der Glaskasten im Kakaospeicher

Schräge Spielorte, neue Raumerfahrungen und viel Fragwürdiges: Dem Hamburger Theaterfestival „Theater der Welt“ hätten insgesamt leisere Töne gutgetan.

Katrin Ullmann
Kraftvoll. Darsteller mit geistiger Behinderung in „Lady Eats Apple“.
Kraftvoll. Darsteller mit geistiger Behinderung in „Lady Eats Apple“.Foto: Angerer, Krafft

What else can I do?“, fragt Karin (Meg Gibson) immer wieder. Wie auf Abruf sitzt sie am Tisch, ihre Bewegungen sind zurückhaltend, zögerlich. Ob ihre Paprikastücke die richtige Größe haben, ob sie die passende Tischdecke findet? Karin hilft nur aus in der Küche der Gabriels. Als erste Frau des verstorbenen Thomas gehört sie nur ein bisschen zur Familie. Immerhin hat sie Bleiberecht bei den Gabriels. Die Produktion „The Gabriels – Election Year in the Life of one Family“, geschrieben und inszeniert von Richard Nelson am Public Theater New York, ist einer der Höhepunkte des Festivals „Theater der Welt“, das jetzt nach 18 Tagen in Hamburg zu Ende gegangen ist.

In Echtzeit-Ausschnitten wohnen die Zuschauer einer US-amerikanischen Mittelstandsfamilie während des Wahljahres bei. Politische Themen verweben sich am Küchentisch mit alltäglichen Gedanken und Sorgen. Nach dem dreiteiligen „Gabriels-Marathon“ – ein Serien-Sog, der sechs Stunden gespieltes und doch authentisch anmutendes Familienleben auf die Bühne bringt – begleiten die Figuren in ihrer unprätentiösen Zeichnung und Verkörperung den Besucher noch tagelang. Das scheinbar nebenbei Erzählte ist, wie so oft, nachhaltiger und verbindlicher als manch lauter Schrei, mit dem sich etwa der chinesische Künstler Tianzhou Chen vergeblich um einen gelungenen Festivalauftakt brüllt.

Vielleicht liegt der Erfolg der „Gabriels“ auch darin, dass sich die vier Kuratoren Amelie Deuflhard, Joachim Lux, Sandra Küpper und András Siebold bei der Auswahl dieser Inszenierung schlicht nicht an ihr selbst auferlegtes Motto halten. Die Theatermacher von Kampnagel und Thalia haben sich eigentlich vorgenommen, für das Festival den Hafen als „Assoziationsraum und Denkfigur“ zu begreifen. Ein Großteil der gezeigten Arbeiten fügt sich in diese inhaltliche Setzung ein, erzählt Geschichten von Migration, Handel und Flucht, von Kreuzfahrtterror und Globalisierung, singt Hafenlieder, bespielt Barkassen und Bootsanleger. Künstlerisch mal mehr, meist weniger überzeugend.

Zu den eindringlichen Produktionen gehört „Lady Eats Apple“

Die niederländische Theatergruppe „Wunderbaum“ etwa präsentiert mit ihrer Bühnenfassung von David Foster Wallace’ Essay „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“ eine recht orientierungslose Version des scharfzüngigen Originals. Das Kollektiv „Hajusom“ stolpert mit seinem Forschungslabor zum internationalen Menschenhandel (mit dem Ensemble Resonanz und dem Projekt „Jardin Slimandé“ aus Ouagadougou) in einen pathetischen Musiktheaterabend mit Umweltschutz-Appell voller Nebelschwaden. Die performative Elbe-Barkassenfahrt von Flynn & Humphry lässt sich vom Tidenhub buchstäblich ausbremsen.

Zu den eindringlichen Produktionen gehört „Lady Eats Apple“ vom Back to Back Theatre. Mit wenigen Worten, in holzschnittartigen Szenen erzählen die Ensemblemitglieder des australischen Theaters – zu großen Teilen Menschen mit geistiger Beeinträchtigung – von nichts weniger als dem Sündenfall, Liebe und Tod. Klug verwandelt Regisseur Bruce Gladwin an diesem beklemmenden Abend die sprachliche und körperliche Begrenztheit des Ensembles in eine gültige ästhetische Reduktion. Die Katalanen „La Fura dels Baus“ zeigten mit ihrer „Schöpfung“ (eine Produktion von Insula Orchestra, entstanden in Koproduktion mit den Ludwigsburger Schlossfestspielen, Theater der Welt und der Elbphilharmonie) – ein zwar musikalisch hochkarätiges Haydn-Oratorium. Die zahllosen Projektionen, wechselweise auf Ballons und Leinwände, ein riesiges Wasserbecken und ein Kran, der die Sänger abwechselnd in die Höhe hievte, machen die Aufführung zu einem visuell starken, aber nicht unbedingt konsistenten Spektakel.

Und während Anouk van Dijk für „An Act of Now“ mit dem Ensemble Chunky Move einen Glaskasten in den gigantischen Kakaospeicher installiert und so ihrer Choreografie eine verdichtete Wucht verleiht, verliert sich Brett Baileys „Sanctuary“ in seinem eigenen Labyrinth. Der Südafrikaner hat in den ehemaligen Bahnhofshallen des Oberhafenquartiers eine performative Installation aufgebaut. Ein mit Stacheldraht meterhoch umzäunter Irrgang führte vorbei an zig Tableaux vivants, in denen Geflüchtete, Übersetzer, Migranten mit vielsagenden Blicken stumme Tragödien nachzeichneten. Die einzige neugierige Frage aber, die sich der Betrachter bald stellte, ist die nach der Authentizität, Eine wirklich nachhaltige Wirkung hat diese reinszenierte Schicksalsschau nicht.

Rund 32.000 Besucher in 44 Produktionen

Einen absoluten Tiefpunkt erreicht die Reihe der hafenrandnahen Site-specifics in der Arbeit der brasilianischen Regisseurin Christiane Jatahy. In Jatahys Live-Video „Moving People“ versucht sich der Thalia-Schauspieler Daniel Lommatzsch in einem bedeutungsvollen Gespräch mit Flüchtlingen und Zugereisten. Auf eine Containerwand projiziert, stammeln sich die Teilnehmer durch ein unfassbar naives und fantasieloses Frage- und-Antwort-Spiel voller Klischees und völlig ohne Erkenntnisgewinn.

Jetzt am Ende dieses internationalen und tatsächlich gigantischen Festivals mit über 300 Veranstaltungen bleiben gute und schlechte Erinnerungen, schräge Spielorte und besondere Raumerfahrungen, Höhepunkte, Enttäuschungen, am Ende aber mehr Fragwürdiges als „wegweisende Leistungen und Entwicklungen des Theaters aus allen Kontinenten“, wie es die Satzung des ausrichtenden Internationalen Theaterinstituts verlangt.

Mit rund 32 000 Besuchern der 44 internationalen Produktionen des Hauptprogramms und einer Auslastung von 83,5 Prozent können die Veranstalter allerdings mehr als zufrieden sein. Gelobt werden darf zudem der Mut zum Risiko, den das vierköpfige Kuratorenteam beweist, indem es viele, zum Teil theaterferne und außereuropäische Künstler eigens für das Festival neue Arbeiten entwickeln ließ. Vermutlich aber hätten insgesamt leisere Töne, weniger Motto- Krampf und eine prägnantere kuratorische Auswahl dieser doch recht wetterwendisch geratenen Reise in ferne Theaterwelten gutgetan.

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