Theater : Der Zweifler mit der kalten Pfeife

Premierenmarathon mit Franz Josef Strauß und Eyjafjallajökull: Neue Stücke von Albert Ostermaier, Helmut Krausser und Neil LaBute am Münchner Residenztheater

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Die Kunst der korrekten Wildzerlegung. Szene aus Albert Ostermaiers „Halali – Ein Mann in seinem Widerspruch“ über Franz Josef Strauß. Foto: Pam Schlesinger / Residenztheater
Die Kunst der korrekten Wildzerlegung. Szene aus Albert Ostermaiers „Halali – Ein Mann in seinem Widerspruch“ über Franz Josef...

Sonntagmorgen, München. Martin Kušej, der neue Intendant des Residenztheaters, hat zur „Abonnenten-Matinee“ geladen. Der Chef steht auf der Bühne und formuliert ein ehrgeiziges Ziel: Er wolle München, in fruchtbarer Koexistenz mit den benachbarten Kammerspielen, zur „Theaterhauptstadt des deutschsprachigen Raums“ machen. Den Endlos-Applaus darf man in Gedanken verdoppeln. Viele, die zu diesem Resi-Werbe-Event erschienen waren, mussten wieder umkehren: Der stattliche Staatsbühnen-Tanker am Max-Joseph-Platz ist zu klein für den Münchner Abo-Willen.

Die Doppeldeutigkeit des Veranstaltungstitels – Kušej hatte seine Präsentationsstunde „Wir werden Sie treffen!“ genannt – verröchelte unter allseitiger Umarmungsbereitschaft. Das passt zu Kušejs Eröffnungsinszenierung. Arthur Schnitzlers Seelen-Analyse „Das weite Land“ geriet eher zur Streicheleinheit als zur Tiefenbohrung. Andererseits sollte es nach dem 100 Jahre alten Polygamisten-Drama ja eigentlich auch erst richtig losgehen. Kušej hat bei seinem viertägigen Eröffnungspremieren-Marathon lauter druckfrische Stücke programmiert.

Erster Versuch: Der medienkritische Amok-Beitrag „Zur Mittagsstunde“ des US-amerikanischen Autors Neil LaBute auf der großen Bühne. Der Nobody John Smith (Norman Hacker), der früher „ein ziemliches Arschloch“ war, hat ein spezielles Erlebnis. Als einziger seiner 38-köpfigen Büro-Belegschaft überlebt er den Amoklauf eines Kollegen, weil er im kritischsten Moment eine göttliche Einflüsterung zu hören glaubt. Fortan hält er sich für einen Weltverbesserer – was ihn nicht daran hindert, für eine Million Dollar seine Tatort-Fotos zu veräußern. In den nachfolgenden Begegnungen mit Johns Anwalt (Arnulf Schumacher), einer Fernsehtalkerin (Michaela Steiger) und anderen dramatischen Funktionsträgern darf gerätselt werden, ob der Überlebende tatsächlich ein Erleuchteter oder ein Abzocker beziehungsweise am Ende gar beides ist. Die Spannung hält sich in Grenzen.

„Zur Mittagsstunde“ ist nicht LaButes bestes Stück. Dass der 81-jährige Regisseur und Bühnenbildner Wilfried Minks in seiner deutschsprachigen Erstaufführung klassische Einfühlungsmenschen vor realistische Videolandschaften stellt – sind wir beim Anwalt, schauen wir auf die Fassade eines Büro-Hochhauses – macht die Sache nicht aufwühlender.

Während also „Zur Mittagsstunde“ die Schlagkraft eines soliden Fernsehfilms entwickelt, nimmt der nächste Uraufführungsregisseur, Robert Lehninger, die Sache mit dem „Treffen“ aus dem Titel ganz wörtlich. In dem Vulkanasche-Drama „Eyjafjallajökull-Tam-Tam“, das Helmut Krausser eigens für das neue, über 50-köpfige (und damit landesweit größte) Schauspiel-Ensemble geschrieben hat, sitzen Figuren mit Namen wie „der Zweifler mit der kalten Pfeife“ oder „der Mann, der nicht in die Tüte atmen will“ auf dem Flughafen einer griechischen Urlaubsinsel fest. Und damit sich nicht nur die Akteure, sondern auch die Zuschauer wie gestrandete Fluggäste fühlen, hat Bühnenbildner Alain Rappaport zwei Wartehallen in den Marstall eingebaut, die man durch eine Sicherheitsschleusen-Simulation erreicht.

Endlich drin, stößt man mit dem Ensemble-Neuzugang Norman Hacker zusammen, der als griechischer Steward einen Wagen mit Mars-Riegeln vor sich her schiebt. Am anderen Hallen-Ende motzt unterdessen ein Hornbrillen-Provo (Jörg Lichtenstein) einer Latte-Macchiato- Mutti (Andrea Wenzl) entgegen, der Prenzlauer Berg sei ihm zu teuer geworden, er wohne jetzt in München. Nun ja. Die archaische „Atriden-Struktur“, die der Intendant in seiner Abonnenten-Matinee angekündigt hatte, will sich auch am finalen Kunst-Lagerfeuer in Halle zwei nicht offenbaren. Das kombinierte Theater-Video-Projekt, das man in voller Dreistundenlänge im Internet begutachten kann und bei dem viele Stars nur auf der Leinwand präsent sind, ergreift einen eher mit offenen Kindergeburtstagsarmen als mit tragödischer Abgründigkeit. Aber mit Sicherheit hat das Profunde ja einfach immer nur dort stattgefunden, wo man selbst gerade nicht war.

Und schließlich hatte Martin Kušej noch einen heißen Uraufführungskandidaten im Feuer. Der gebürtige Münchner Dramatiker Albert Ostermaier setzt in seinem neuen Stück „Halali – Ein Mann in seinem Widerspruch“ Franz Josef Strauß (beziehungsweise einen, der sich für ihn hält) in die Psychiatrie. Zu Beginn treten – laut Kušej die tollste Theaterszene des Jahres – vier kunstblutverschmierte nackte Männer mit Hirschgeweihen vor den Vorhang des Cuvilliéstheaters und unterrichten das Publikum in Anspielung auf den Jäger Strauß über die korrekte Wildzerlegung.

Später werden die Herren in Ganzkörperbrathähnchenkostümen auftreten, sich in „Richard III.“ wieder finden, biografische wie politische Strauß-Details hin und her wenden und immer wieder der Dirndl- und Lederhosen-Combo „Monaco Hansi & The Original Royal Bavarian Deep Beat Heart Rock Orchestra“ lauschen, die sehr unterhaltsam von der Königsloge in Robert Schweers Bühnenbild herunter posaunt. Schweer hat den Zuschauerraum des Cuvilliéstheaters sinnträchtig auf die Bühne verlängert. Doch so sehr er sich im Verein mit Ostermaier und dem Uraufführungsregisseur Stephan Rottkamp um Publikumsverstörung bemüht: Kein Buh, keine Unmutsbekundung, noch nicht mal ein vorzeitiges Türenknallen. Der Applaus ist von stoischer Freundlichkeit.

Jetzt ruhen alle Disharmonisierungshoffnungen auf Frank Castorf, der Ende des Monats Ödon von Horváths Oktoberfest-Stück „Kasimir und Karoline“ mit Birgit Minichmayr, Bibiana Beglau und Nicholas Ofczarek inszenieren wird.

Als Martin Kušej bei der Abonnenten-Matinee auf diese Produktion zu sprechen kommt, geht doch ein Raunen durch den Zuschauerraum. Eine Zuschauerin in den vorderen Reihen klärt ihren Begleiter missmutig auf: „Wenn der Castorf doas moacht, wird das net ordentlich.

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