Kultur : Theater des Westens: Schwejk gehabt

Der Berliner Senat entscheidet heute über die Zukunft des Theaters des Westens (TdW). Die Abberufung des Intendanten Elmar Ottenthal scheint beschlossene Sache. Damit geht eine Episode zu Ende, die erst vor zwei Jahren begonnen hatte und als letzter Versuch galt, das angeschlagene Musical-Haus zu retten. Als Ottenthal sich im April 1999 in Berlin präsentierte, kam er als Innovator eines Genres, das im Schatten von Andrew Lloyd Webber in eine schwere Krise taumelte. Auch im TdW musste umgedacht werden, um auf dem hart umkämpften Markt bestehen zu können.

Ottenthals Rezept war simpel: Uraufführungen. Er versprach Stücke, die auf dem schmalen Grat zwischen Revue, Pop-Spektakel und Drama balancierten, er wollte das Haus als Entwicklungsstätte von Produktionen etablieren, die auf dem freien Markt weiter verkauft werden konnten, und er begann sofort, das Marketing zu professionalisieren. Dass das mit 20 Millionen Mark im Jahr subventionierte Theater an der Kantstraße auf einen derart radikalen Kursschwenk nicht vorbereitet worden war, schien den erfolgsverwöhnten Ottenthal nicht zu kümmern. Schon nach dem "Rent"-Flop zeigte sich indes, mit welch hohem Risiko diese Vorwärtsstrategie behaftet war. Ottenthal kopierte die privaten Musical-Produzenten und steigerte den Eigenanteil des Theaters nach eigenen Angaben von etwa 3,5 Millionen (1998) auf 15 Millionen Mark (2000). Da die Produktionskosten aber proportional mitwuchsen, wäre seine Strategie nur aufgegangen, wenn er keinen einzigen Misserfolg gehabt hätte. Doch seine blamable Eigenregie "Schwejk it easy" brach ihm das Genick.

Trotzdem ist es eigenartig, dass an einer staatlich geförderten Musical-Bühne, die ja für ihr künstlerisches Risiko unterstützt wird, schon ein Flop ausreicht, um den Intendanten zu feuern. Die Berliner Politik ist an diesem Desaster nicht unschuldig. Sie übergab Ottenthal die alte, in ihren Strukturen unzeitgemäße "Pralinenschachtel" zu falschen Bedingungen: Er sollte sie zwar reformieren, aber des überflüssig gewordenen Orchesters musste er sich selbst entledigen. Dessen Abfindung belastet das TdW jetzt mit 4,5 Millionen Mark, damit droht die Insolvenz. Nicht zuletzt der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit könnte auf ein solches Fiasko nur gewartet haben, um mit Ottenthal das ganze TdW abzuwickeln. Denn bei dessen Zahlungsunfähigkeit dürfte der Insolvenzverwalter das von der Stage Holding heiß umworbene Schmuckstück ohne Ausschreibung vergeben. Damit würde eine alte Rechnung beglichen. Denn wie zu hören ist, war der Erwerb des Metropol-Theaters durch die Stage Holding an einen sechs Millionen Mark teuren Grundstückskauf gekoppelt. Als Gegenleistung soll dem Unternehmen des niederländischen Medienmoguls Joop van den Ende signalisiert worden sein, das TdW übernehmen zu können - sobald es frei wird.

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