Kultur : Theater des Westens: Stierhorden

Denise Dismer

Angedeuteter Geschlechtsverkehr, Küsse in den Genitalbereich, Männer in Frauenkleidern oder knappen Tangas - nein, wir befinden uns nicht auf dem Carneval Erotica, sondern im Theater des Westens. Und dort haben mit Rafael Aguilars "Carmen Flamenco" spanische Lebensfreude, Leidenschaft und Erotik Einzug gehalten.

Carmen (Trinidad Artiguez) entspricht der Vorstellung des Nordeuropäers von einer feurigen Spanierin: Sie fegt über die Bühne, wirbelt ihren bauschigen Rock in die Luft, reißt ihrer Nebenbuhlerin die Kleider vom Leib, bringt beim leidenschaftlichen Tanz ihren ganzen Körper zu Einsatz. Und sie nimmt sich was sie braucht - mit einer Selbstverständlichkeit, die vielen emanzipierten Frauen des 21. Jahrhunderts fremd ist. Da wundert es nicht, dass ihr selbstsicheres, vulgäres Auftreten schon in der Literaturvorlage von Prosper Mérimée für Aufsehen sorgt. "In meiner Heimat hätte man sich vor einer Frau in diesem Aufzug bekreuzigt; in Sevilla rief ihr jeder ein anzügliches Kompliment zu", schreibt der Franzose im Jahr 1845. Die Zigeunerin bringt die Männer um den Verstand: erst den Brigadier Don José (Javier Palacios), der schließlich ihren eifersüchtigen Ehemann ersticht, dann den Torero Lucas, den sie - die leidenschaftliche Liebesnacht mit José scheint längst vergessen - begeistert erobert.

Die "Carmen" Aguilars basiert auf der Novelle Mérimées und der musikalischen Umsetzung George Bizets. 1992 fand die Uraufführung in Tokio statt, drei Jahre danach starb der Choreograph Aguilar. Sein Tanztheater ist geprägt von andalusischer Gitarrenmusik, dem energischen Stampfen der Tänzer, die einer Stierherde ähnlich mit dem Füßen auf den Boden trommeln und den obligatorischen Kastagnetten. Doch es gibt auch ruhige Szenen: Im zweiten Akt schwebt ein Tänzer von Flötenmusik begleitet und in dunkle Tücher gehüllt über die Bühne. Oft fühlt der Zuschauer sich jedoch nicht in Andalusien, sondern viel weiter südlich: Einen arabisch anmutenden Klagesang stimmt Don José an, als er sich, im Gefängnis eingesperrt, nach der Geliebten sehnt. Doch als die alte Zigeunerin Dorotea ihre rauchige Stimme erhebt, die rollenden "Rs" durch den Saal donnern, da wissen wir - wir befinden uns in Spaniens Süden.

Die Tänzer des "Ballet Teatro Español" geben ihr Äußerstes: bei jeder Bewegung Don Josés stiebt der Schweiß in alle Richtungen, als Carmen ihn verführt, geht sie mit einer Leidenschaft vor, als wäre es die letzte Liebesnacht ihres Lebens. Und sie sollte Recht behalten: Ihr eifersüchtiger Liebhaber ersticht sie, die Frau, die sich über alle gesellschaftlichen Normen hinwegsetzt und sich niemals den Männern unterwirft. Deshalb muss sie sterben - und nicht, wie die alte Dorotea ihr prophezeit hatte, "wegen eines Kusses".

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