Theater : Die Flokati-Falle

Falk Richter inszeniert an der Schaubühne Tschechows ''Kirschgarten'' als Geschäftsidee. Der Garten ist ein Traum - und ein Objekt der Spekulation.

Andreas Schäfer

Was ist der Kirschgarten? „Mein Leben, meine Jugend, mein Glück“, sagt Luba Ranjewskaja, die nach ausschweifenden Jahren in Paris auf ihr hochverschuldetes Gut zurückkehrt. Der Kirschgarten ist Sentimentalität und Schönheit, also falscher und echter Trost und gleichzeitig der Ort, an dem die Wunde schwärt.

Denn ganz in der Nähe ertrank Lubas sechsjähriger Sohn. Doch obwohl ständig vom Kirschgarten die Rede ist, ist er so gut wie nie zu sehen. Das muss er auch nicht, denn der Kirschgarten ist weniger realer Ort als vielmehr innere Landschaft. Ein still vor sich hin glimmendes Sehnsuchtsflämmchen. Und je hypnotisierter und verträumter und hoffender und verzweifelter die Figuren auf dieses Flämmchen starren, desto unerbittlicher brennt es ihr ganzes Leben weg. Kurz: Der Kirschgarten ist ein poetisches Prinzip. Es beleuchtet die Figuren von Innen, macht sie durchsichtig und melancholisch, weil es sie daran hindert, zu handeln. Vor allem aber macht dieses Prinzip in Tschechow-Stücken das stille, schmerzhafte Verstreichen der Zeit spürbar. Eigentlich ist es sinnlos, Tschechow zu inszenieren, wenn man für diesen stillen Vorgang keinerlei Interesse aufbringt.

Falk Richter, Autor und Regisseur an der Schaubühne, macht es trotzdem. Nach „Die Möwe“ und „Drei Schwestern“ bringt er jetzt zum Abschluss seiner Tschechow-Trilogie „Der Kirschgarten“ heraus. Dass Richter sich nicht die Bohne für das Feinstoffliche interessiert, konnte man schon bei den „Drei Schwestern“ beobachten, wo er die Langeweile der Figuren eins zu eins auf die Bühne übersetzte. Subtext ist seine Sache nicht. Dass er keinerlei Fühler für das Feinsinnige von Tschechow-Figuren hat, zeigt nun auch der „Kirschgarten“. Bei Richter ist der Garten nämlich ausschließlich eines: ein unrentables Gelände, das verkauft werden muss, um die Schulden der Gutsfamilie zu begleichen, wie es der zu Geld gekommene ehemalige Bauer vorschlägt. Statt Gespür hat Richter Schlauheit und also eine Idee. Er liest das Stück als reines Drama der Ökonomisierung, nimmt die Perspektive Lopachins ein und reißt den Abend mit konzepthafter Leidenschaftslosigkeit runter, in sich stimmig, manchmal unterhaltsam, dafür seelenlos.

Bei Richter wird nicht nur der Garten, sondern gleich auch Tschechows Poesie wegrationalisiert. Weshalb er den Text neu übersetzen ließ, von einer Agentur, die normalerweise für Gasprom arbeitet, was zwar nichts beweist, sich aber gut beziehungsweise böse anhört. Nach dem gleichen Prinzip nimmt er die Gattungsbezeichnung Komödie ernst und macht aus den Figuren hysterische Sprechautomaten. Als Klischeevariante russischer Neureicher lässt er die Familie in die Flokati-Fall-Landschaft einfallen, die Katrin Hoffmann im Breitbandformat angelegt hat. Bibiana Beglau als Mutter Ljuba muss zum pseudomondänen Outfit eine blonde Perücke tragen und dehnt und streckt und windet sich bei jedem Wort, als sei sie ein Stummfilmstar. Eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die, selbst wenn sie später Schwäche zeigt, nie aus ihrer falschen Pose fällt. Noch ganz high von der Reise steckt sie zur Begrüßung ihrem Bruder Leonid erst einmal die Zunge in den Mund. Sie ist wie gepanzert von ihrer eigenen Exaltiertheit und versteht kein Wort, als Bruno Cathomas als Lopachin mit der berstenden Quirligkeit des stolzen Aufsteigers und dem Täppischen des ewigen Außenseiters im grauen Anzug auftritt und ihr vorschlägt, das Kirschgarten-Gelände zu parzellieren und Datschen zu bauen, um die Grundstücke an Sommergäste zu verkaufen.

Sie starrt ihn entgeistert an: Wovon redet dieser Mann? Ihr Bruder Leonid könnte sie zwar aufklären, denn er hat immerhin die Reste des Vermögens in den letzten Jahren verschwendet, zieht es aber vor, Gedichte gen Himmel zu rezitieren und säuselnden Jazz-Klängen zu lauschen. Kay Bartholomäus Schulze gibt diesen Weichling als stilvollen Dandy mit Neigung zu Selbstmitleid und redundanten Monologen. Als schließlich noch der ewige Student Trofimow (Mark Waschke) auftaucht, um von „nicht marktorientierten Lebenskonzepten“ zu philosophieren und sich alle zum Sit-in auf den Flokati-Wiesen versammeln und von „Protest“ und einem „System“ faseln, das „seine eigene Kritik immer gleich als Teil seiner Totalität mitproduziert“, befindet sich der Abend auf seinem zumindest komödiantischen und konzeptionellen Höhepunkt: Tschechows Landgut liegt bei Richter in Berlin-Mitte, Ende des letzten Jahrtausends, als alle noch groß und luxuriös redeten, während die Blase der New Economy schon am Platzen war. Eine halbe Stunde muss das Ensemble, unterstützt von zwei Dutzend älteren Laiendarstellern, daraufhin auf der inzwischen weitgehend leeren Bühne zu längst verjährten Techno-Rhythmen tanzen, bis Lopachin schließlich mit der Nachricht kommt, er habe das ganze Gut gekauft.

Doch wenden wir unsere Aufmerksamkeit – während Ljuba einen letzten kapriziösen Emotionsanfall aufs Parkett legt – noch einmal dem Bühnenbild zu, dessen Rückwand verspiegelt ist, so dass die Zuschauer nicht nur die Schauspieler, sondern permanent auch sich selbst im Blick haben. Was soll damit gesagt sein? Dass wir alle dekadente (Theater-)Partys feiern, während um uns herum die Welt zu Grunde geht? Wahrscheinlich, aber nicht nur. Peter Stein! Andrea Breth! Die Spiegelwand wirft dem Zuschauer auch seine Erwartungen zurück, die man zwangsläufig hat, wenn man in die Schaubühne geht, um Tschechow zu sehen. Wie gesagt: Falk Richter ist schlau. Freilich ist es die Schlauheit eines Tricksers.

Wieder am 3., 4. und 13. bis 17. Februar.

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