Theater : Die Geister, die sie rufen

Das Festival Theater der Welt bezaubert die Saalestadt Halle. Bereits zur Halbzeit zählten die Verantstalter 37.000 Zuschauer.

Peter von Becker
Theater der Welt
Jugend vor. Silvia Calderoni in der Videoperformance der Gruppe Motus. -Foto: Falk Wenzel

HalleHalle jubiliert. Die "graue Diva" an der Saale, wie die Stadt einst hieß, hat sich vom dreiwöchigen Festival "Theater der Welt" wie selbstverständlich erobern lassen. Festival-Kurator Torsten Maß, der tagsüber zwischen Probenorten, Spielstätten, Künstler- und Publikumsgesprächen im weißen Sommeranzug durch die schön restaurierte Altstadt radelt, er springt vom Sattel und zieht schon zur Begrüßung mit Siegerstolz seine jüngste Presseerklärung aus der Tasche: 37.000 Zuschauer habe er schon zur "Halbzeit" zählen können: Das seien dreitausend mehr als das größere, reichere, westdeutschere Stuttgart 2005 als vorige Station des alle drei Jahre ausgerichteten Festivals insgesamt gehabt habe. Und das damals ohne EM-Konkurrenz.

Gestern waren sie in Halle, vor dem Festivalfinale am Sonntag, schon bei 42.000 Besuchern. Da sind freilich auch über 5000 Zuschauer bei freiem Eintritt und open air mitgezählt, die zur Eröffnung auf dem Marktplatz von Halle zusammenströmten, als 250 Akteure aus vier Kontinenten für das Theater aus fast aller Welt getrommelt und getanzt haben. Ein Drittel des Publikums, so schätzen die Veranstalter, stammt aus Halle selbst, viele studieren oder forschen dort an der inzwischen exzellent ausgestatteten Martin-Luther-Universität oder der naturwissenschaftlichen Akademie Leopoldina. Die übrigen beiden Drittel kommen jeweils aus der Region um Halle und Leipzig sowie aus dem weiteren In- und Ausland. Dies verleiht der sommerlichen Saalestadt mit dem Festivaltreffpunkt im malerischen Hof der Renaissance-Residenz des Luther-Gegenspielers Kardinal Albrecht von Brandenburg nun, ja: einen Hauch von Avignon.

Die Stadt ist nur zu 40 Prozent bewohnt

Das Theater selbst entführte am Hauptwochenende des Festivals - dabei vorausschauend um den Abend des EM-Endspiels herumdisponiert - dann doch mehr in die Härten der nahen und ferneren Welt. Zum Beispiel die italienische Gruppe Motus. Aus dem adriatischen Rimini sind sie aufgebrochen und haben Pasolinis Welt der in den zivilisatorischen Stadtrandbrachen herumlungernden Jugendlichen in eine Mischung aus Tanz-, Musik- und Videotheater übersetzt. Für das Festival recherchierten sie wochenlang in der riesigen Trabanten-Siedlung Halle-Neustadt, wo die DDR-Führung einst die Arbeiter der Bitterfelder Chemiekombinate mit ihren Familien in riesigen Plattenbausilos angesiedelt hatte.

Heute ist die Stadt der Hunderttausend mit dem Begriff "shrinking city" noch harmlos beschrieben. Eine Geisterstadt, nurmehr zu 40 Prozent bewohnt, und durch die Waben leerer Hochäuser dröhnen als letzte Lebenszeichen mitunter noch die Bretter von Skatern. Mit diesem Bild, das sich auf einer Videoleinwand erst aus schwarzweißen Pixeln herausformt und allmählich immer mehr Farbe und darin Tristesse wie auch trotzige Vitalität gewinnt, fängt die von Enrico Casagrande und Daniela Nicolò inszenierte Performance an. Bald darauf verbinden sich Filmbilder und Life-Theater, indem einzelne Jugendliche aus dem Dunkel hinter der Leinwand herausfahren, meist auf Rollerblades, mit E-Gitarren, dazu Verkehrsgeräusche und Bewegungen, die Abstürze, Crashs oder dann wieder brütende Schwermut zu einem irrlichternden Reigen verbinden. Und die mit den Italienern zusammenspielenden Laien, die Jungen und Mädchen aus der realen Geisterstadt, sind beeindruckend.

Nicht jeder hat Erfolg

Nach Halle-Neustadt ist auch die hochgelobte New Yorker Big Art Group gegangen und hat Spurenelemente der antiken "Orestie" an die nächtliche Fassade der ehemaligen örtlichen Stasizentrale (heute Finanzamt!) projiziert. Auch hier sind Life-Acts und Videos, US-Künstler und Hallenser Bürger in einem szenischen Crossover verbunden worden - doch die Prestigeproduktion ist ein völliger Flop geworden, geist- und formlos, x-beliebig in allen Details, der Titel "The People" ein hohles Versprechen.

Erfolgreicher hat offenbar Ila Ronen vom Habimah Theater in Tel Aviv jüdische und palästinensische Israelis mit Berliner Spielern zu einer historischen Erforschung dreier Familien und Völker zusammengebracht: Die "Dritte Generation", in Halle gefeiert, wird im Herbst auch an der Berliner Schaubühne zu sehen sein. Eine Enttäuschung dagegen die wohl gewichtigste Einladung: ein über vierstündiger "Faust I" aus Wilnius, vom lettischen Regieguru und internationalen Star Eimuntas Nekrosius. Da dominierte dreieinhalb Stunden ein altbackener, aufgeblasener Symbolismus, fast ohne Sinn für die tieferen "Faust"-Motive - bis spät endlich Elzbieta Latenaite ins Spiel kam. Eine virtuose junge Schauspielerin, die ein sonderbar verzaubertes, bezauberndes, in seiner Körpersprache fast unberechenbar autistisches Gretchen vorstellte. Auch das, immerhin, war Welttheater.

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